Essgewohnheiten – Leben im (Un-) Gleichgewicht

ENTDECKUNGSREISE ESSGEWOHNHEITEN

Bevor wir beginnen unsere Essgewohnheiten zu verändern und uns mit neuen „Verboten“ und Verzichtsübungen zu geiseln, müssen wir sie erst verstehen. Oft sind wir zu vorschnell und verteufeln gerade die „sündigen“ Lebensmittel, wie beispielsweise Chips, Kuchen, Pommes, Fleisch, etc. Dann beginnen wir uns zu quälen und stellen nach einiger Zeit fest, dass wir scheitern und verurteilen uns oft auch noch dafür. Wenn wir wissen, wie unser Essverhalten zustande kommt und welche Motive sich dahinter verbergen, können wir milder mit uns selbst umgehen und unseren ganz eigenen individuellen Weg finden, unser Essverhalten nach unsere Bedürfnissen zu verändern.

Essgewohnheiten werden durch eine Vielzahl an verschiedenen Faktoren geprägt und haben eine lange Entstehungsgeschichte. In kaum einen anderen Bereich unseres Lebens und bei kaum einem anderen Bedürfnis sind wir so eng an unsere kulturelle und lebensgeschichtliche Herkunft gebunden wie beim Essen. Was wir essen, wird uns als Kleinkind von der Mutter oder einen anderen Bezugsperson gereicht und ist somit eng an Zuwendung und Liebe gekoppelt. Die Verbindung von Essen und Gefühlen der Zuwendung bleibt oft lange erhalten. Daher wird ein Mangel an Liebe und Zuwendung oft mit Essen und Trinken kompensiert.

Unsere Erfahrungen in der Kindheit und Familie haben einen starken Einfluss auf unsere Essgewohnheiten, oft auch auf unsere geschmacklichen Vorlieben. Auch der Umgang und der Stellenwert von Essen prägen unsere Gewohnheiten. Das können Fragen sein, wie

  • Wann wurden die Mahlzeiten eingenommen? Gab es einen bestimmten Tagesrhythmus?
  • Gab es Rituale am Tisch?
  • Gab es verbotene und erlaubte Lebensmittel?
  • Gab es Traditionsessen?
  • War das Essen abwechslungsreich oder eher einseitig?
  • Wurde wert darauf gelegt, was eingekauft wird?
  • Wurde eher alleine oder mit der Familie gegessen?
  • Gab es ausgesprochene oder unausgesprochene Regeln?
  • Gab es Tischrituale?
  • Wie wurde in der Familie mit Gefühlen umgegangen?

GLAUBENSSÄTZE & ESSGEWOHNHEITEN 

Wichtig sind auch Glaubenssätze, wie „Es wird aufgegessen, was auf den Teller kommt!“, „Mit vollem Mund spricht man nicht!“, „Wir fangen zusammen an.!, „Das habe ich extra für dich gekocht“ oder „Bei Muttern schmeckst am Besten!“. 

Glaubenssätze sind sehr stark und wirken im Unterbewusstsein. Erst wenn wir sie uns bewusst machen, können wir darüber entscheiden, ob wir sie für uns behalten oder ablegen wollen.

ESSEN IN KULTUR & MEDIEN

Natürlich spielt auch unser Kulturkreis eine wichtige Rolle. Je nachdem, wo wir auf der Welt, in welchem Land, in welcher Stadt wir groß geworden sind, haben wir andere Einstellungen, Verhaltensweisen/Traditionen und Geschmäcker. Auch zu welcher Uhrzeit gegessen wird ist, ist von Land zu Land unterschiedlich.

Weitere Einflussfaktoren sind die Nahrungsmittelindustrie und die Medien. Die Herstellung von Fertigprodukten wird immer größer und der Kontakt zum natürlichen Lebensmittel kann dadurch verloren gehen. Durch das Aufkommen der Fertigprodukte haben sich die Essgewohnheiten verändert, da es möglich war und ist, schnell an zubereitetes Essen zu gelangen. Dem steht auch der gesellschaftliche Wandel gegenüber, wo Frauen wieder stark auf dem Arbeitsmarkt vertreten sind und weniger Zeit für die eigene Zubereitung vorhanden ist. Die Verbindung zum Lebensmittel kann brechen, beispielsweise wenn bei dem Gedanken an Fischstäbchen die Marke Iglo und nicht mehr der Fisch als Bild vor dem geistigen Auge erscheint. Und auch Pommes werden immer noch aus Kartoffeln gemacht. Die Frage ist weiter, welche Bilder die Medien produzieren und welchen Einfluss sie auf unsere Essgewohnheiten haben.

Dazu kommt ideologische Entwicklung von Essgewohnheiten. So sind wir nach dem Krieg von der Mangel- in die Überflussernährung hineingewachsen. Viele Menschen sind bis heute daraus nicht mehr hinausgewachsen und haben die Essgewohnheiten nicht an die heutige Zeit und an den veränderten Bedarfsumsatz angepasst. In den 70er gab es das Ideal der „Twiggy“-Figur und Magermodells wurden en vogue. Schönheitsideale haben sich verändert und die Essgewohnheiten sind mitgezogen, was man am Aufkommen der zahlreichen Diäten von Atkins, Brigitte-Diät, FDH, etc beobachten kann. Mit der (politischen) Grünen Revolution in den 80er Jahren ging es weiter und viele Ernährungsideologien und Philosophien tauchten auf. Dazu zählen heute die Vegetarier, Veganer, Fructarierer, Pescarier, etc., die Einfluss haben auf unsere Essgewohnheiten.

ESSBIOGRAFIE

Die Essbiografie eines Menschen setzt sich aus allen diesen Erfahrungen zusammen, die während des gesamten Lebens erworben werden und die sich im aktuellen Handeln bewusst oder unbewusst ausdrücken.

Warum Essgewohnheiten so schwer zu verändern sind und Diäten zu über 90% auf Dauer erfolglos, liegt daran:

  • das Essen eine Lerngeschichte ist
  • das Essgewohnheiten eine lange Verankerung im Leben und eine emotionale Verknüpfung haben
  • das Essgewohnheiten identitätsstiftend sind und als Persönlichkeitsmerkmal empfunden werden (bsp. Teetrinker/Kaffeetrinker)
  • das durch die tägliche Wiederholung und Konditionierung, die Essgewohnheiten sehr stabil und eher veränderungsresistent sind

(ESS-) GEWOHNHEITEN IM ALLTAG 

Gewohnheiten bestimmen einen Großteil unseres Lebens durch förderliches und hinderliches Handeln. Wichtig ist zu vermerken, dass Gewohnheiten nicht schlecht sind, sondern per se erst mal Sinn machen. Gewohnheiten haben viele nützliche Funktionen:

  • sie vereinfachen unser Leben
  • wir müssen weniger Entscheidungen treffen
  • wir müssen und weniger Gedanken machen
  • wir erleben und erlernen Routine und Tradition

Gewohnheiten vermitteln mit ihrer konstruktiven Seite Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit.

Wenn wir gewohnheitsmäßig handeln, heißt das aber auch immer, dass wir nicht mehr bewusst wahrnehmen und eine weniger intensive sinnliche Erfahrung machen. In diesem Fall zeigen sich Gewohnheiten schnell von ihrer destruktiven Seite.

In Bezug auf unsere destruktiven Essgewohnheiten sehen wir das an Beispielen, wie:

  • Essen auf der Straße, im Auto oder beim Fernsehen
  • Essen unter Zeitdruck
  • Essen immer zur gleichen Zeit
  • Essen immer im gleichen Lokal, vielleicht auch das gleiche Gericht
  • Immer die gleichen Lebensmittel
  • Snacks bei Besprechungen oder am Arbeitsplatz
  • Essen als Kompensation für Gefühle wie Trauer, Wut, Einsamkeit, Stress
  • Essen bei Gefühlen von Freude

 

Gefühle sind stark und beeinflussen unser Handeln, bewusst wie unbewusst. Auch wenn wir kognitiv wissen, was uns gut tut, können wir nicht immer danach handeln. Die seelische Perspektive ist daher eine wichtige Größe neben den medizinischen und ernährungswissenschaftlichen Einflussfaktoren, um Veränderungen vorzunehmen. > Emotionales Essen

Destruktive Essgewohnheiten führen auf Dauer zu einem unstimmigen Körpergewicht und einem Leben im Ungleichgewicht.

ÜBUNGEN: ACHTSAMKEIT FÜR GESUNDE ESSGEWOHNHEITEN

1. ÜBUNG: ACHTSAM ESSEN MIT ALLEN SINNEN 

Nehmen Sie sich für die Übung Lebensmittel, die eine vielfältige Zusammensetzung haben – beispielsweise Brot mit Nüssen, Kekse mit Schokolade, Pralinen mit Füllung, Trockenobst.

Beginnen Sie damit sich bequem hinzusetzen und wahrzunehmen, wie Sie sitzen. An welchen Stellen haben Sie Kontakt zum Boden, zum Stuhl, zum Tisch? Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Atem und atmen Sie bewusst ein und aus.

Nun nehmen Sie ihr Produkt in Augenschein und betrachten aufmerksam die Farbe, Form, Oberfläche, Struktur. Nehmen Sie es in die Hand und spüren, wie es sich anfühlt. Weich? Hart? Rau? Trocken? Feucht? Sie können es zwischen den Fingern reiben und an ihr Ohr halten. Können Sie einen Klang wahrnehmen? Als nächstes riechen Sie an ihrem Produkt. Was nehmen Sie wahr? Versuchen Sie möglichst viele Nuancen herauszuriechen. Beobachten Sie auch, ob sich schon der Speichelfluss bemerkbar macht.

Der erste Bissen will vorbereitet sein. Nehmen Sie nun ihr Produkt und reiben es an den Lippen. Wie fühlt sich das an? Werden Sie sich der Absicht bewusst nun einen ersten Bissen zu tun. Wenn Sie zubeißen, dann noch nicht anfangen zu kauen, sondern bewegen Sie das Stück erst mal mit der Zunge hin und her. Was können Sie mit der Zunge fühlen? Dann platzieren Sie das Stück zwischen die hinteren Backenzähne und spüren Sie auch das noch mal bewusst, bevor Sie zubeißen. Dann beginnen Sie zu kauen und spüren wie sich die Kontinenz, die Temperatur, der Geschmack verändert. Und wenn Sie dann schlucken, nehmen Sie wahr, dass Sie schlucken und wie es sich im Magen anfühlt. Dann nehmen Sie sich Zeit zum Nachspüren und runden ihre Erfahrung ab.

2. ÜBUNG: ÖFTERS MAL WAS NEUES 

Anstatt immer das Gleiche zu essen oder die gleichen Zutaten zu verwenden, probieren Sie Neues aus. Lassen Sie sich von der Vielfalt der Zubereitungsarten und Rezepte inspirieren. Andere Länder, andere Produkte, vielleicht Dinge, die Sie noch nie gesessen haben oder die sie früher nicht mochten und heute vielleicht in einer anderen Form mal wieder probieren.

Sie können auch mal in einen anderen Supermarkt fahren und Produkte auswählen, die Sie vorher noch nie gekauft haben.

Auch Restaurants bieten eine wunderbare Möglichkeit Neues auszuprobieren. Schicken Sie ihren Geschmack auf Entdeckungsreise.

3. ÜBUNG: DER INNERE ESSKRITIKER 

Wenn wir achtlos Essen, kann das eine Flut an urteilenden und böser Stimmen hervorrufen. Die Kommentare des inneren Essenkritikers sind oft niederschmetternd und machen einem selbst fertig, wenn man nicht „richtig“ gegessen hat. Dieser innerer Essenskritiker ist ziemlich schädlich und verhindert, dass Sie eine vollendende Erfahrung machen können.

Versuchen Sie das nächste Mal verständnisvoller und aufbauender mit sich selbst umzugehen und zu sprechen. Hören Sie erst zu, was der innere Esskritiker zu sagen hat und achten darauf, wie er Sie beeinflusst. Das können Sie gleich machen, wenn er auftaucht oder sich eine Esssituation vorstellen, wo er aufgetaucht ist. Was hat er genau gesagt? Wiederholen Sie innerlich die Sätze. Wie spricht der Kritiker? Schreit, flüstert, nörgelt, mahnt er oder macht er sarkastische Bemerkungen? Lassen Sie die Gedanken aufsteigen und nehmen Sie sie einfach wahr, ohne Sie zu verurteilen. Bleiben Sie zentriert und in der Wahrnehmung, wie der Kritiker zu Ihnen spricht, ohne ihn beeinflussen zu wollen. Dann achten Sie auf Ihre körperlichen Empfindungen und auf die emotionale Wirkung. Wenn schmerzliche Gefühle aufkommen, lassen Sie sie fließen und schauen, ob Sie tröstliche Worte für sich finden. Sprechen Sie die Worte des Trostes zu sich und spüren wieder in Ihren Körper und was sich dort verändert. Wie ist Ihr Atem? Wo fühlt es sich leichter und entspannter an?