Selbstmitgefühl: Schwierige Situationen bewältigen

SELBSTMITGEFÜHL FÜHRT ZU SELBSTACHTUNG

Selbstmitgefühl ist eine Haltung zu dir selbst, die jeder Mensch lernen und weiterentwickeln kann. So wie wir anderen Menschen Trost spenden, Zeit widmen, Fehler und Schwächen zugestehen und ihnen verzeihen, richten wir Selbstmitgefühl auf uns selbst. Wie oft gehen wir mit uns selbst schwer ins Gericht und beurteilen oder verurteilen uns selbst. Wir machen uns klein, werten uns ab und erdulden keine Fehler. Der innere Kritiker übernimmt die Herrschaft. 

Immer wieder fallen wir in alte Muster zurück, rennen der Selbstoptimierung endlos hinterher und verlieren viel Kraft. Noch schlimmer ist jedoch, das wir auf dem Weg irgendwann uns selbst verlieren. Wir verlieren den Kontakt zu unserer inneren Stimme, zu unserer Lebenskraft und manchmal auch zum Lebenswillen. Dann schenken wir anderen mehr Gehör als uns selbst, wir richten uns mehr nach den Bedürfnissen von anderen als unsere eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Dadurch wächst die emotionale Abhängigkeit zu anderen, wofür wir uns am Ende  vielleicht noch zusätzlich abwerten.

Selbstmitgefühl führt uns wieder zu uns selbst – zu unseren Gefühlen, zu unseren wahren Bedürfnissen und uns unserem unzerstörbaren inneren Kern. 

Wenn wir uns immer wieder in Frage stellen, wir selbst unser strengster Richter sind, wir uns viel zu spät abgrenzen und unsere Meinung nicht sagen, aus Angst verlassen zu werden, hilft Selbstmitgefühl unsere Selbstachtung wieder zu finden. Wir geben mehr auf uns acht, sind im Kontakt mit uns selbst, unseren Bedürfnissen und respektieren unsere Grenzen. Wie ein inneres Aufrichten in Würde wirkt Selbstmitgefühl auf unsere Seele. 

„Für den Mangel an Mitgefühl zahlen wir einen hohen Preis.“

SELBSTMITGEFÜHL DURCH ACHTSAMKEIT

Die Praxis der Achtsamkeit unterstützt die Entwicklung von Selbstmitgefühl. Denn Selbstmitgefühl ist kein „Ich gönn’ mir etwas“ oder „Ich stelle mich vor alle anderen“. Selbstmitgefühl geht weg von der Ichbezogenheit hin zur Achtung von Menschen. Selbstmitgefühl heißt, für sich selbst zu sorgen ohne die Bedürfnisse des anderen aus den Augen zu verlieren. Es ist ein „soziales Gefühl“. Denn du kannst nicht Selbstmitgefühl praktizieren und kein Mitgefühl für andere haben. Du beginnst mit dem Annehmen des eigenen Leid, auch das Leid in anderen zu sehen. Du musst es nicht lösen, aber deinem Gegenüber mit Respekt und Achtung begegnen.

Die Haltung der Achtsamkeit ist:

  • Bewusst, wach
  • Absichtslos
  • Gegenwärtig
  • Offen, experimentell
  • Akzeptierend

 

Achtsamkeit unterstützt, Gefühle und vor allem die schwierigen Gefühle wahrzunehmen, ohne sie sofort verändern zu wollen. Gefühle kommen und gehen, wie wir aus einer Beobachterposition wahrnehmen können. Damit lernen wir die Distanzierung und gehen weg von der Identifikation. Die Praxis der Achtsamkeit hilft, sich selbst mit einem mitfühlenden Blick anzusehen anstatt sich selbst nicht zu verurteilen und abzuwerten. 

KONSUMIERE SELBSTMITGEFÜHL WIE DAS TÄGLICHE BROT

Wenn Klienten zu mir kommen und von ihren Symptomen und Leiden erzählen, kommt immer irgendwann der Punkt, wo Selbstmitgefühl fehlt und die Strenge zu sich selbst sichtbar wird. 

Es zeigt sich in Sätzen, wie:

  • „Da bin ich selbst untreu geworden.“
  • „Irgendwo in der Beziehung habe ich mich verloren.“
  • „Leistung war immer gefordert und meine Bedürfnisse habe ich nicht mehr wahrgenommen.“
  • „Ich habe zugelassen, das ich belogen wurde.“
  • “Ich habe immer gewartet und mich angestrengt und wenig zurück bekommen.“
  • „Ich könnte mich Ohrfeigen, dass ich wieder auf so einen Mann hereingefallen bin.“

 

Im Laufe des Lebens kommen unweigerlich Höhen und Tiefen. Schwierige Zeiten haben ein Anfang und ein Ende. Doch wenn wir eine schwere Zeit durchmachen, fühlt es sich endlos an. Daher kann Selbstmitgefühl in der täglichen Praxis unterstützend wirken, um uns in Fleisch und Blut überzugehen und schwierige Zeiten besser zu überwinden.

Mit jedem Schritt beginnen wir uns mehr zu achten, das Eigene zu schätzen und auch zu beschützen. Wenn du Selbstmitgefühl praktizierst, erkennst du deine Fehler und Schwächen und kannst es das nächste Mal anders machen. Du kannst dir sagen, du hast es nicht besser gewusst. Zum damaligen Zeitpunkt, war es die richtige Entscheidung. 

Tägliches Selbstmitgefühl beinhaltet, sich der eigenen schwierigen Gefühle gewahr zu werden und mit Mitgefühl anstatt Abwertung zu begegnen. Leid gehört zur Realität des Lebens. Wenn du dich schlecht fühlst, heißt das nicht, das du schlecht bist. Ein fürsorglicher Blick, ein Wort des Trostes und ein Funken Humor helfen durch schwierige Zeiten. Sich selbst zuhören, die eigene Stimme hören lernen und ihr folgen, stärkt deine Selbstachtung. Die Anteilnahme an sich selbst ist eine Kraftquelle. Sie lässt Zufriedenheit wachsen und innere Ruhe.