Stressbewältigung: Methoden der Psychotherapie

STRESSBEWÄLTIGUNG DURCH SELBSTREGULATION

Eine funktionierte Regulation der eigenen Emotionen und Balance zwischen Anspannung und Entspannung sind wesentlich zur Stressbewältigung. In der Gestalttherapie ist ein wichtiger Wirkfaktor die Selbstregulation. Die Selbstregulation ist die menschliche Fähigkeit den Geist und den Körper von einer Stressreaktion in eine Entspannungsreaktion zu führen. Dies funktioniert bei einem gesunden Organismus automatisch. Zusätzlich können wir uns bewusst Techniken aneignen, um den Körper und damit den Geist zu beruhigen.

WAS IST STRESS? 

Stress ist eine natürliche Reaktion unseres Körpers auf eine Herausforderung. Er wird durch innere und äußere Reize hervorgerufen und bewirkt, dass wir zu „Höchstform“ auflaufen. Wir erleben in Stresssituationen eine erhöhte Aufmerksamkeit, alle Sinne sind geschärft, mit einem Ansteigen von Puls und Blutdruck. Die Atmung wird schneller und die Muskeln spannen sich an. Dies war in sehr frühen Zeiten der Menschengeschichte eine wichtige Überlebensreaktion, die in einer Gefahrensituation zu Flucht oder Angriff führte.

Heute haben sich die Stresssituationen verändert und in den seltensten Fällen müssen wir mit Flucht oder Angriff reagieren. Das Ventil für die Anspannung ist verloren gegangen und richtet sich bei einer dauerhaften Belastungen immer stärker gegen sich selbst mit körperlichen und seelischen Stresssymptomen.

Was jemand an Stress erlebt ist eine subjektive Einschätzung. Stress ist eine Frage der Bewertung!

Jeder Mensch fühlt sich durch andere Dinge gestresst und hat ein individuelles Maß für Belastung. Daher schaut man in der Therapie hinter die eigenen Bewertungen. Vielleicht sitzt da eine Angst ’nicht zu genügen‘ oder eine Angst ’nicht ausgegrenzt‘ zu werden. Vielleicht sind die eigenen Ansprüche zu hoch. Vielleicht kann man nicht ‚Nein‘ sagen. Oder es liegen traumatische Erfahrungen zugrunde, die eine chronische Stressdysregulation hervorrufen und eine Entspannungsreaktion verhindern. 

Sobald Stress zu einem dauernden Phänomen wird und die Intensität des Auftretens steigt, braucht der Mensch gezielte Bewältigungsstrategien. Wenn diese fehlen, wird die Situation zunehmend als bedrohlich erlebt und Gefühle von Hilflosigkeit breitet sich aus.

Chronisch dysregulierter Stress führt zu:

  • Schädigung der Gehirnentwicklung
  • Apoptosis – programmierter Zelltod
  • Verzögerung in der Myelinisierung – Informationsaustausch zwischen den Zellen
  • Hemmung der Neurogenese – Bildung von Nervenzellen
  • Abnahme des Gehirnvolumens
  • Hypersensitiv für Bedrohungsreize
  • Beeinträchtigung des Immunsystems
  • Übergewicht, Diabetes
  • Depressionen

SELBSTREGULATION AKTIVIEREN ZUR STRESSBEWÄLTIGUNG

Die automatischen Selbstregulationsprozesse können beeinträchtigt sein. Man steht sozusagen ständig „unter Strom“. Das Nervenkostüm ist permanent in Alarmbereitschaft und angespannt. Es entwickelt sich ein psychisch wie somatischer Entzündungsherd, der zu einer Dysregulation des biologischen Stresssystems führt.

Im psychotherapeutischen Prozess werden die Stressoren bestenfalls nachverarbeitet, um die Selbstregulation und Selbstheilungskräfte wieder zu aktivieren. Forschungen in der Epigentik zeigen, dass eine erfolgreiche traumapsychotherapeutische Behandlung bis in die epigenetischen Mechanismen der Stressregulierung und in die Reparatur der DNA hineinwirkt.

Neben der psychotherapeutischen Arbeit Stressoren zu identifizieren und Ressourcen aufzubauen, gibt es zahlreiche Methoden der Stressbewältigung. Die Methoden reichen von Meditation, Mentaltraining über Achtsamkeitstraining bis zu körperlicher Bewegung. Jede Entspannungsreaktion fördert gesundheitsförderliche Hormone und ein stabiles Immunsystem. 

Entspannung ist eine wichtige Ressource zur Gesundheitsfürsorge, da sie stressregulierend wirkt und zur Entfaltung der Selbstheilungskräfte des Organismus beiträgt.

STRESSORNETZWERK ALS URSACHE VON CHRONISCHEM STRESS

Unverarbeiteter Stress aus prägenden Erfahrungen (1) wird durch sogenannte „Trigger“ (2) im Außen immer wieder aktiviert und bildet eine Symptomatik (3). Diese drei Aspekte bilden das Stressornetzwerk und sind untrennbar miteinander verbunden.

Jede Aktivierung des Stressornetzwerks wird als Kontrollverlust erlebt. Ein Mensch mit vielen Stressoren wird ständig im Außen „getriggert“ und erfährt im Alltag einen chronischen Stresszustand. Eine Stressreaktion ist eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion, die einen Überlebensmechanismus auslöst. Es werden langfristig erhöhte Stresshormone produziert, die auf Dauer krankheitsanfällig machen. Bei psychischen Erkrankungen, wie Depressionen und Ängste werden wiederholt Stressreaktionen erfahren, die die Entzündungsneigung erhöhen.

Ziel im therapeutischen  Prozess ist der Impuls für einen natürlichen neurobiologischen Selbstheilungsprozess durch eine Gedächtnisrekonsolidierung. Für eine Rekonsolidierung gibt es ein Zeitfenster bis zu fünf Stunden, in dem nach der emotionalen Aktivierung einer belastenden Erinnerung neue Erfahrungselemente hinzugefügt werden können.

 

 

BUCHEMPFEHLUNGEN

  • Stressorbasierte Psychotherapie: Belastungssymptome wirksam transformieren – ein integrativer Ansatz., Thomas Hensel (2020)
  • Die Neue Medizin der Emotionen: Stress, Angst, Depression: – Gesund werden ohne Medikamente., David Servan-Schreiber, Inge Leipold und Ursel Schäfer (2006)
  • Stress im Arbeitskontext: Ursachen, Bewältigung und Prävention., Luise Bartholdt und Astrid Schütz (2010)
  • Quellen innerer Kraft: Erschöpfung vermeiden – Positive Energien nutzen., Anselm Grün (2007)
  • Stress bewältigen mit Achtsamkeit: Zu innerer Ruhe kommen durch MBSR* – *Mindfulness-Based Stress Reduction., Linda Lehrhaupt und Petra Meibert (2010)
  • Burnout kommt nicht nur von Stress: Warum wir wirklich ausbrennen – und wie wir zu uns selbst zurückfinden., Mirriam Prieß (2013)
  • Burnout: Mit Achtsamkeit und Flow aus der Stressfalle., Dietmar Hansch (2014)
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