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Spiritualität, Psychotherapie & Lebenskunst

Spiritualität ist für mich unabhängig von einer bestimmten Religion, Weltanschauung oder Glaubenslehre. Sie beschreibt eine Haltung zum Leben, die offen bleibt für das, was sich zeigt, mit all seinen Herausforderungen, Brüchen und Veränderungen. Sie beruht auf dem Vertrauen, dass wir Menschen die Fähigkeit in uns tragen, einen heilsamen Umgang mit den Schwierigkeiten des Lebens zu finden und auch in Krisen inneren Frieden zu entwickeln. Spiritualität bedeutet für mich ebenso, den Geschenken des Lebens immer wieder mit Offenheit und Neugier zu begegnen.

Für mich zeigt sich Spiritualität in der Verbundenheit mit mir selbst, mit anderen Menschen und mit dem Leben als Ganzem. Sie beginnt im gegenwärtigen Augenblick. Im bewussten Wahrnehmen, im Staunen und in der Dankbarkeit. Sie lebt auch in der Bereitschaft, den eigenen Erfahrungen einen tieferen Sinn zu geben und manche Fragen eine Weile offen zu lassen.

Spiritualität bedeutet für mich ebenso, immer wieder loszulassen, mich weiterzuentwickeln und mich jenen Themen zuzuwenden, die mich von meinem inneren Erleben entfernen. Sie ist ein lebenslanger Prozess und ein Weg, auf dem ich immer wieder neu mit mir selbst und dem Leben in Verbindung komme.

Lebenskunst & Spiritualität in der Gestalttherapie

Das Leben zu gestalten bedeutet im Gestaltansatz, sich kreativ mit den Bedingungen der Umwelt auseinanderzusetzen und zugleich als Gestalter des eigenen Lebens wirksam zu werden. Dabei geht es nicht um vollständige Kontrolle, sondern um die Fähigkeit, wahrzunehmen, was ist, auf Veränderungen zu antworten und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Im Mittelpunkt steht die lebendige Erfahrung im Hier und Jetzt. Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken und die Beziehung zur Umwelt werden bewusst wahrgenommen. Dieses Gewahrsein schafft die Voraussetzung dafür, eigene Bedürfnisse zu erkennen, Grenzen zu spüren und stimmige Entscheidungen zu treffen.

Lebenskunst und Spiritualität verbinden sich im Gestaltansatz in einer Haltung der Neugier und Offenheit. Neugier ist eine ursprüngliche Lebenskraft. Sie ermöglicht es, Bekanntes zu hinterfragen, neue Erfahrungen zuzulassen und die eigene innere Landkarte zu erweitern. Neue Welten entstehen dabei nicht nur im Außen, sondern auch dort, wo bisher unbekannte oder verdrängte Seiten der eigenen Person wahrgenommen und integriert werden.

Leben ist etwas, das wächst, schrumpft und wieder verschwindet.

Von der Geburt bis zum Tod ist das Leben in Bewegung. Lebenskunst bedeutet, den eigenen Rhythmus innerhalb dieser Bewegung zu finden. Dieser Rhythmus entsteht im Wechsel zwischen den Polaritäten des Lebens: zwischen Kontakt und Rückzug, Nähe und Distanz, Geben und Nehmen, Aktivität und Ruhe, Festhalten und Loslassen.

Im Gestaltansatz geht es nicht darum, eine Seite dieser Gegensätze zu bevorzugen. Gesundheit zeigt sich vielmehr in der Fähigkeit, zwischen den Polen beweglich zu bleiben und wahrzunehmen, was die jeweilige Situation erfordert. Spiritualität kann in diesem Zusammenhang als ein Gewahrsein verstanden werden, das über das isolierte Ich hinausreicht und den Menschen als Teil eines größeren Zusammenhangs begreift.

Die Lebenskunst in der Gestalttherapie richtet den Blick auf die vorhandenen Ressourcen eines Menschen: auf seine Stärken, seine Kreativität, seinen Humor und seine Fähigkeit, auch schwierige Erfahrungen anzunehmen und mit ihnen umzugehen.

Eine zentrale Ressource ist das Gewahrsein, die bewusste Aufmerksamkeit für das, was im gegenwärtigen Augenblick geschieht. Dazu gehören körperliche Empfindungen, Gefühle, Gedanken, Bedürfnisse und die Wahrnehmung der Beziehung zur Umwelt.

Gewahrsein beschränkt sich dabei nicht nur auf die eigene Person. Es öffnet den Blick für die Verbindung mit anderen Menschen, mit der Natur und mit dem Leben als Ganzem. In diesem Sinne kann Gewahrsein auch eine spirituelle Dimension besitzen: Es ermöglicht die Erfahrung, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein, ohne die eigene Individualität zu verlieren.

Lebenskunst in der Gestalttherapie zeigt sich darin, das eigene Leben bewusst, verantwortlich und lebendig zu gestalten:

Was brauche ich?
Die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und ernst nehmen.

Was will ich?
Entscheidungen treffen und eine eigene Richtung entwickeln.

Initiativ leben
Die eigenen Wünsche vertreten, handeln und auf das Leben zugehen.

Gefühle wertschätzen
Gefühle als Orientierung verstehen und ihre bewegende Kraft nutzen.

Selbstverantwortung übernehmen
Den eigenen Anteil erkennen, anstatt die Verantwortung ausschließlich im Außen zu suchen.

Aus innerer Freiheit leben
Emotionale Abhängigkeiten lösen und mit anderen verbunden bleiben, ohne sich selbst zu verlieren.

Loslassen
Sich von dem trennen, was nicht mehr trägt, und mit weniger innerem Gepäck weitergehen.