Kränkungen heilen mit der gesunden Grenze

WAS SIND KRÄNKUNGEN?

Kränkungen sind seelische Verletzungen. Dabei geht es immer um ein Beziehungsgeschehen und es geht immer um die Verletzung von persönlichen Grenzen. Eine Kränkung ist eine subjektive Bewertung. Nicht jeder fühlt sich in einer Situation gleich gekränkt. Während ein Wort, eine Handlung einen anderen völlig kalt lässt, wird man selbst tief im Herzen getroffen. Damit sagt die Kränkung mehr über die eigene Bewertung aus als über den anderen. Es ist der eigene wunde Punkt.

Kränkungen machen auf Dauer krank. Wer immer wieder Ablehnung, Abwertung, Zurückweisung, Beleidigungen erfährt und nicht gehört oder nicht gesehen wird, erlebt Trauer, Wut, Enttäuschung, Schmerz. Diese Gefühle werden oft unterdrückt und so manifestieren sich die negativen Gefühle in der Seele und im Körper. Sie zeigen sich in Verspannungen, Druckerleben, Niedergeschlagenheit, Energieverlust bist hin zum Herzinfarkt oder Schlaganfall. Zugleich bleibt der wunde Punkt offen und kann nicht heilen. Dadurch bleibt der Betroffene anfällig für weitere Kränkungen. Es kann sich ein Erlebens- und Lebensmuster aus sich wiederholenden Kränkungen entwickeln.

Kränkungen treffen auf den Selbstwert. Betroffene ziehen sich innerlich zurück oder verfangen sich in fruchtlosen Kämpfen um Anerkennung. Beides geht mit einem hohen Energieverlust einher und führt in den seltensten Fällen zu einer Entlastung, sondern stärker in die emotionale Verstrickung. Betroffene werden abhängig anstatt unabhängig und frei.

WIE MIT SEELISCHEN VERLETZUNGEN UMGEHEN UND NACHHALTIG LÖSEN? 

Kränkungen finden im Privatbereich genauso statt wie im beruflichen Umfeld. Meistens sind die Kränkungen unbewusst und unbeabsichtigt, da niemand die wunden Punkte des Gegenübers erraten kann. Um aus dem Gefühl der Kränkung und der damit verbundenen Hilflosigkeit, Wut, Rache oder Rückzug herauszukommen, braucht es den Blick auf sich selbst. Das ist der erste Schritt raus aus der gefühlten Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Gegenübers. 

SCHRITTE RAUS AUS DER KRÄNKUNG

  1. den eigenen wunden Punkt anerkennen
  2. den Ursprung des wunden Punktes herausfinden
  3. die gesunde innere Grenze aufbauen
  4. ein klares JA und ein klares NEIN entwickeln

 

1. Den eigenen wunden Punkt erkennen

Die Kränkung hat mehr mit uns selbst zu tun als mit dem Gegenüber. Wenn wir gekränkt werden, haben wir schnell den Schuldigen im Visier und oft arbeiten wir uns regelrecht an ihm ab, ohne eine wirkliche Veränderung zu bewirken. Die Erwartungen steigen und die Bemühungen, der Andere möge doch die Verletzung und sein falsches Verhalten einsehen, führen ins Leere. Dies kann zu einer weiteren Kränkung führen. 

Zahlreiche Ratgeber rufen zum Mitgefühl und Vergebung auf, um den Schmerz zu lindern. Oft auch verbunden mit einer moralischen Selbsterhöhung. Dies kann fatale Folgen haben. Solange der eigene wunde Punkt nicht gefunden und verarbeitet wurde, ist hier Mitgefühl und Vergebung definitiv an der falschen Stelle. Betroffene gehen damit in die Vermeidung anstatt in die innere gefühlte Wahrheit.

Der Weg kann nur über das wahre Selbst stattfinden. Die Wahrnehmung und das Annehmen der wahren Gefühle – den Schmerz, den Frust, die Verletzung, die Enttäuschung. Es braucht die radikale Ehrlichkeit zu sich selbst. Alles andere ist Selbstverleugnung und führt zu Selbstverachtung und Selbstabwertung. Also genau zum Gegenteil, was eigentlich erreicht werden will. Auch eine moralische Überlegenheit ist nur der verzweifelte Versuch den gekränkten Selbstwert zu schützen, aber ohne nachhaltigen Erfolg. Die nächste Kränkung wartet um die Ecke. Mit der Anerkennung des eigenen wunden Punktes wird der Weg frei, sich dem Ursprung zu stellen. 

2. Den Ursprung des wunden Punktes herausfinden

Der Ursprung des wunden Punktes liegt in den unverarbeiteten Verletzungen des Selbstwertes. Zurückweisung, Vernachlässigung, Abwertung, emotionaler Missbrauch, frühe Trennungserfahrungen von Bezugspersonen verhindern den Aufbau eines positiven Selbstbildes. Es entwickelt sich ein falsches Selbst, welches sich entweder depressiv-minderwertig oder aggressiv-grandios zeigt. Beides ist weit von einem gesunden Selbstwert, Selbstvertrauen und Stabilität entfernt. Damit entwickeln sich stark abhängige Beziehungsstrukturen, die immer wieder Kränkungserfahrungen beinhalten.

Solange nicht der Ursprung in der eigenen Biografie gefunden und die damit schwierigen Gefühle verarbeitet wurden, d.h. Stress nachverarbeitet, werden immer wieder Kränkungen nach dem gleichen Schema ablaufen. Am Ursprung angelangt, dürfen die alten Wunden heilen und neue Kraft geschöpft werden. Die Verbindung mit dem eigenen wahren Selbst, das vollständig ist, den Wert in sich spürt und eine gesunde Grenze hat, ist der Musterdruchbrecher der Kränkung.

3. Die gesunde innere Grenze aufbauen

Eine gesunde Grenze ist wesentlich für die Entwicklung von Autonomie und Unabhängigkeit. Die gesunde innere Grenze schützt vor Kränkung, da Kritik oder Konflikte weniger persönlich genommen werden. Wer mit sich selbst gut verbunden ist, muss sich nicht für Anerkennung verbiegen, muss sich nicht über andere stellen und auch ein falsches Wort trifft nicht den inneren Kern. 

Ziel ist immer die Integration der Selbstanteile und das Zusammenbringen verschiedener Erlebnisqualitäten, um sich als vollständig zu erleben. Wer stark ist, ist auch schwach. Wer traurig ist, hat auch eine lustige Seite. Es stehen immer beide Erlebensqualitäten zur Verfügung, so dass kein anderer Mensch die verdrängte Seite ersetzen muss und damit Abhängigkeit entsteht. 

Die Grenze für den eigenen Raum macht klar, wer man ist und wer man nicht ist. Alles was unverhandelbar ist, gehört in den eigenen Raum. Es ist das Wissen, um die eigenen Werte, Vorstellungen und Bedürfnisse. Es ist die Integration aggressiver Impulse, die man braucht, um sich klar abgrenzen zu können, sich zu verteidigen und Veränderungen ins Leben zu bringen. 

4. Ein klares JA und ein klares NEIN entwickeln

Eine gesunde Selbstverbindung bringt ein klares JA und ein klares NEIN mit sich. Das schützt davor, sich selbst zu verleugnen, sich anderen zu unterwerfen und sich ausnutzen zu lassen. In der Klarheit liegt die Ruhe und die Kraft. Es ist der Ort der autonomen Persönlichkeit mit funktionierenden Grenzen. Grenzen ermöglichen ein Genießen und Aufnehmen bis man statt ist. Damit muss man andere Menschen nicht mehr als Ersatz der eigenen Minderwertigkeit einspannen. Zugleich ermöglicht ein klares NEIN nicht auszubluten und auch ein NEIN von anderen zu akzeptieren. Die Abgrenzung anderer wird nicht mehr als Ablehnung empfunden, sondern als Teil einer gesunden Beziehung auf Augenhöhe.