Selbstachtung stärkt unser Sein
Selbstachtung in der therapeutischen Arbeit bedeutet, sich Schritt für Schritt wieder in Würde aufzurichten. Jeder lebende Mensch ist wichtig und wertvoll. Würde ist eine Eigenschaft, die uns allen innewohnt. Und doch haben wir manchmal das Gefühl, sie verloren zu haben. Wir wurden entwürdigt durch Gewalt, Erniedrigung, Missachtung oder Beschämung.
Im therapeutischen Prozess richtet sich der Blick auf die Verarbeitung des erlebten Schmerzes, auf die Stärkung der Verbindung zu sich selbst und auf das Loslassen der belastenden Vergangenheit. Mit diesem Weg wächst die Möglichkeit, sich aus emotionalen Verstrickungen zu lösen und wieder einen würdevollen Platz im eigenen Leben einzunehmen. Die innere Aufrichtung entsteht dabei Schritt für Schritt.
Selbstvorwürfe, Selbstzweifel, Selbsthass und Selbstverlust stehen der Selbstachtung entgegen. Sie entwickeln sich aus belastenden und traumatischen Beziehungserfahrungen. Bereits in der Kindheit erleben viele Menschen Phasen, in denen sie sich übersehen, überhört oder in ihren Bedürfnissen missachtet fühlen. Die existenzielle Abhängigkeit eines Kindes führt dazu, dass es sich an schwierige Bedingungen anpasst. Daraus können entwertende Überzeugungen entstehen wie „Mit mir stimmt etwas nicht“ oder „Ich bin falsch“. Solche inneren Annahmen prägen das Selbstbild tief und wirken über viele Jahre hinweg fort. Im späteren Leben geraten wir dadurch immer wieder in Situationen und Beziehungen, die diese schmerzhaften Überzeugungen scheinbar bestätigen.
Die Wiedergewinnung von Selbstachtung beginnt mit der Bereitschaft, sich der eigenen Geschichte zuzuwenden. Dabei kann die Erkenntnis wachsen, dass die belastenden Erfahrungen der Kindheit außerhalb der eigenen Verantwortung lagen. Aus traumatischen Beziehungserfahrungen entwickeln sich vielfach Muster wie Unterordnung, Schwierigkeiten bei der Abgrenzung, ein eingeschränkter Zugang zu den eigenen Bedürfnissen oder die Tendenz, übermäßig Verantwortung für andere zu übernehmen. Anerkennung und Aufmerksamkeit werden dann über Leistung oder Aufopferung gesucht. Der daraus entstehende Selbstverlust geht häufig mit Scham und Schuldgefühlen einher.
Selbstachtung wächst dort, wo wir beginnen, uns selbst mit Verständnis, Mitgefühl und innerer Klarheit zu begegnen.
Selbstachtung als Ausdruck von Kongruenz
Selbstachtung zeigt ich dem Maß, wie wir mit uns selbst im Einklang leben und zum Ausdruck kommen.
- Wir handeln nach unseren inneren Wertmaßstäben und lassen uns nicht von anderen beeinflussen
- Wir verbiegen uns nicht für andere Menschen und bleiben uns selbst treu
- Wir geben unseren Ideen und Wünschen Raum und verfolgen unsere Ziele
- Wir haben eine Haltung der Demut dem Leben und den Menschen gegenüber und verabschieden uns von unsere eigenen Größenillusionen
- Wir achten die Grenzen von anderen genauso wie wir unsere Grenzen achten und lassen von allen Manipulationen los, um Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen
Je stärker wir mit unserer inneren Wahrheit verbunden sind und diese leben, desto mehr Frieden und innere Ruhe kehrt ein. Unsere Selbstachtung ist auch der Aspekt, der unsere Achtung anderen gegenüber stärkt. Wir lernen das NEIN eines anderen zu akzeptieren und damit umzugehen, da wir selbst uns achten und unsere Grenzen wahren. So können wir gelassen mit den Grenzen von anderen umgehen, ohne das unser Selbstwert leidet.
Selbstachtung ist ein wichtiger Teil unseres Selbstwerts oder besser, Selbstachtung nährt unseren Selbstwert auf ganz natürliche Weise und unabhängig von anderen. Wir müssen unsere tiefe innere Wahrheit finden und dieser mit all den verbundenen Konsequenzen folgen. Denn plötzlich stellt man vielleicht fest, dass man in einer Partnerschaft lebt, die keine Liebe mehr in sich trägt, der Job keinen Sinn mehr ergibt, die Freunde keine wahren Freunde sind oder man einer Lebenslüge gefolgt ist.
Das Wiedererlangen der Selbstachtung kann ein schmerzhafter Prozess sein. Den wir müssen erkennen, wie wir uns selbst verleugnet haben, über unsere Grenzen gegangen sind, uns angepasst und verbogen haben, andere Menschen manipuliert haben oder selbst manipuliert worden sind. Wir müssen vielleicht lernen loszulassen und ganz neu anfangen. Mitunter kann es sein, dass wir aus der vermeintlichen Bequemlichkeit „Mein Mann ist wirklich furchtbar zu mir, aber auf das Haus, den Garten und die Putzfrau will ich nicht verzichten“ raus müssen, um uns selbst wieder zu spüren und zu leben. Wir müssen vielleicht unsere Eltern enttäuschen oder uns von ihnen distanzieren, den Job kündigen, sich vom Partner oder Partnerin trennen und neue Freunde finden. Nicht jeder ist bereit, diese Schritte zu gehen. Diese Entscheidung können und müssen wir jeden Tag aufs Neue selbst treffen.
Selbstachtung in Beziehungen
Selbstachtung ist essenziell für eine lebendige Beziehung auf Augenhöhe. Wer sich selbst achtet, wird sich weniger in Beziehungen emotional verstricken und eigene und fremde Grenzen missachten. Eine mangelnde Selbstachtung in Beziehungen führt zu faulen Kompromissen, Anpassung, Manipulation, überzogene Erwartungen, Streit und Konflikten, Grenzüberschreitungen, Projektionen „Der andere ist Schuld“, Energieverlust und Erschöpfung.
Selbstaufopferung in Beziehung schadet der Beziehung. Die mangelnde Achtung zu sich selbst lässt auch den Respekt des Gegenübers schwinden. Anstatt die ersehnte Aufmerksamkeit und Anerkennung für Leistungen zu bekommen, zeigt sich Missachtung, Abwertung und Respektlosigkeit. Der damit einhergehende Selbstverlust äußert sich in einem niedrigen Selbstwert und sich in fremden Räumen zuständig fühlen, d.h. man selbst missachtet die Grenzen anderer und mischt sich in Dinge ein, die einem nichts angehen.
Selbstachtung ist der Kitt in Beziehungen. Je mehr wir auf unsere Bedürfnisse und Werte achten und danach handeln, desto mehr achten wir auch die Grenzen von anderen. Wir müssen uns nicht persönlich angegriffen fühlen oder gekränkt sein, wenn uns andere Grenzen setzen, sondern können gelassen und frei damit umgehen. Denn niemand ist dazu verpflichtet unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Ganz nach dem „Gestaltgebet“ von Fritz Perls, Begründer der Gestalttherapie:
Ich tu,
was ich tu;
und du tust,
was du tust.
Ich bin nicht auf dieser Welt,
um nach deinen Erwartungen zu leben,
und du bist nicht auf dieser Welt,
um nach den meinen zu leben.
Du bist du,
und ich bin ich.
Und wenn wir uns zufällig finden – wunderbar.
Wenn nicht, kann man auch nichts machen.
Kraftwerk Selbstachtung
Selbstachtung ist ein lebendiges Kraftwerk. Es versorgt uns und andere mit Energie. Wer sich selbst achtet, strahlt die Kraft, Energie und Selbstvertrauen auf ganz natürliche Weise aus. Die eigenen Bedürfnisse sind in einem guten Maße befriedigt, so dass ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen vorhanden ist. Daher gibt es auch weniger Mangelempfinden, Frustration und Vergleiche mit anderen. Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und sich selbst bestmöglich zu erfüllen, bringt Ruhe, Gelassenheit und einen entspannten Umgang mit anderen.
Grenzen setzen und Grenzen achten sind zentrale Werkzeuge der Selbstachtung. Wir müssen Grenzen setzen, uns zur Wehr setzen und Stop oder Nein sagen können. Doch bevor wir Grenzen setzen, müssen wir erstmal wieder die eigenen Grenzen wahrnehmen lernen. Im Alltag geht dies durch Belastungen, Stress, Ablenkung oder Verdrängung schnell verloren. Wo Traumata ein Hintergrund sind, gibt es keine spürbaren Grenzen mehr. Die Selbstverbindung ist unterbrochen und wir sind unbewusst mit dem vergangenen Traumata, Glaubenssätzen, inneren Richtern, Blockaden, Ängsten identifiziert, so dass keine gesunde Grenzen existiert.
Fehlende oder brüchige Grenzen werden im therapeutischen Prozess mit den Online-Autonomie-Aufstellungen Schritt für Schritt erarbeitet und wieder aufgebaut. Ohne Grenzen verliert sich der Mensch, beginnt sich anzupassen und sich an den Erwartungen der anderen zu orientieren anstatt auf die eigene klare innere Stimme zu hören.
Über Dr. Julia Belke
Dr. Julia Belke ist Psychotherapeutin, Traumatherapeutin und Systemaufstellerin. Sie arbeitet online mit Autonomie-Aufstellungen, einer Intensivtherapie zur dauerhaften Lösung von stressbelastenden Erfahrungen und inneren Konflikten.
Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Traumafolgen, emotionale Abhängigkeit, belastende Beziehungsmuster, psychosomatische Beschwerden, negative Glaubenssätze sowie die Entwicklung gesunder Grenzen und Autonomie.
Häufige Frage zur Selbstachtung
Selbstachtung heißt, sich in Würde wieder aufzurichten und sich aus entwürdigenden Erfahrungen wie Gewalt, Missachtung oder Beschämung zu lösen. Es geht darum, emotionale Verstrickungen zu erkennen, loszulassen und die eigene Würde wiederzuerlangen.
Der Ursprung liegt in frühen Beziehungserfahrungen: Nicht-Gesehen-Werden, Missachtung oder emotionale Vernachlässigung. Daraus entstehen innere Überzeugungen wie „Ich bin falsch“, die unsere Selbstachtung untergraben.
Selbstachtung bedeutet, sich treu zu bleiben, eigene Werte zu leben, Grenzen zu setzen und nicht um Anerkennung zu kämpfen. Sie zeigt sich in Kongruenz, also darin, wie stimmig wir fühlen, denken und handeln.
Ohne Selbstachtung verstricken wir uns emotional, passen uns an oder opfern uns auf. Mit Selbstachtung können wir klar kommunizieren, Grenzen wahren und eine lebendige Beziehung auf Augenhöhe gestalten.
Im therapeutischen Prozess wird die eigene Geschichte aufgearbeitet. Schritt für Schritt werden Grenzen wieder spürbar, alte Muster gelöst und Selbstverbindung gestärkt. Selbstachtung wächst mit jeder Entscheidung, sich selbst ernst zu nehmen.
