Deklaration der Selbstachtung von der Familientherapeutin Virginia Satir
Virginia Satir wurde 1916 in den USA geboren. Die Familiengeschichte war geprägt vom Alkoholismus des Vaters und häufigen Auseinandersetzungen zwischen den Eltern. Dieser persönliche Hintergrund wurde zur treibenden Kraft für ihre therapeutische Entwicklung. Sie zählt heute zu den Pionierinnen der systemischen Familientherapie und hat weltweit mit ihrem humanistischen Menschenbild viele Therapeut*innen beeinflusst.
Satir vertrat die Überzeugung, dass jeder Mensch das Potenzial in sich trägt, zu wachsen, zu heilen und in liebevollen Beziehungen zu leben. Sie verband psychologische Arbeit mit Aspekten von Spiritualität, innerem Frieden und Freiheit. Ihr Ziel war es, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Einzigartigkeit zu entdecken und authentisch zu leben.
In ihren zahlreichen Büchern und Vorträgen ging es ihr vor allem um die Stärkung der Selbstbestimmung, die Nutzung innerer Ressourcen, den Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühls sowie um die Grundlagen achtsamer, wertschätzender Kommunikation. Sie entwickelte unter anderem das sogenannte „Satir-Modell“, das heute in vielen psychotherapeutischen Ansätzen Anwendung findet.
„ICH BIN ICH“ ist eine ihrer bekanntesten und kraftvollsten Aussagen zur Selbstachtung. Dieser Text bringt auf berührende Weise ihre Haltung zum Ausdruck: Die bedingungslose Annahme des eigenen Selbst – mit allen Stärken, Schwächen, Gefühlen, Gedanken und Erfahrungen. Er ist eine Einladung, sich selbst liebevoll zu begegnen, sich abzugrenzen, Verantwortung zu übernehmen und die eigene Würde zu ehren, unabhängig von äußerer Bestätigung oder den Erwartungen anderer.
Satirs Worte sind auch heute noch eine wertvolle Ressource für Menschen in Entwicklungsprozessen, für therapeutische Arbeit und für jede Form innerer Heilung. Die Deklaration „ICH BIN ICH“ wirkt wie ein Spiegel der eigenen Menschlichkeit – klar, mutig und zutiefst mitfühlend.
Sich selbst gehören – die Grundlage für Autonomie und Selbstwerdung
Aus therapeutischer Sicht berührt Virginia Satirs Text noch einen weiteren wesentlichen Aspekt: die Entwicklung von Autonomie. Viele Menschen lernen früh, sich an Erwartungen anzupassen, Gefühle zurückzuhalten oder die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu stellen. Dadurch entsteht oft eine Distanz zum eigenen Erleben und zum wahren Selbst.
Die Fähigkeit, „Ich bin ich“ zu sagen, bedeutet deshalb mehr als Selbstakzeptanz. Sie setzt voraus, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, die eigenen Grenzen zu respektieren und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Autonomie entsteht dort, wo wir uns selbst als eigenständige Person erleben – verbunden mit anderen, ohne uns in ihren Erwartungen oder Bedürfnissen zu verlieren.
Virginia Satirs Worte erinnern daran, dass jeder Mensch das Recht hat, seinen eigenen Raum einzunehmen, seine Wahrnehmungen ernst zu nehmen und seinen eigenen Weg zu gehen. In diesem Sinne ist „ICH BIN ICH“ nicht nur eine Deklaration der Selbstachtung, sondern auch eine Einladung zur Selbstwerdung.
ICH BIN ICH
Auf der ganzen Welt gibt es niemanden wie mich.
Es gibt Menschen, die mir in vielem gleichen,
Aber niemand gleicht mir aufs Haar.
Deshalb ist alles, was von mir kommt mein Eigenes,
weil ich mich dazu entschlossen habe.
Alles, was mit mir zu tun hat, gehört mir.
Mein Körper, mit allem was er tut,
Mein Kopf, mit allen Gedanken und Ideen,
Meine Augen, mit allen Bildern, die sie erblicken,
Meine Gefühle, gleich welcher Art – Ärger, Freude, Frustration, Liebe, Enttäuschung, Begeisterung.
Mein Mund und alle Worte, die aus ihm kommen – höflich, lieb und schroff, richtig und falsch.
Meine Stimme, laut oder leise, und alles, was ich mir selbst oder anderen tue.
Mir gehören meine Phantasien, meine Träume, meine Hoffnungen, meine Befürchtungen,
Mir gehören all meine Siege und Erfolge und all meine Niederlagen und Fehler.
Weil ich ganz mir gehöre, kann ich mich näher mit mir vertraut machen.
Dadurch kann ich mich lieben und alles, was zu mir gehört, freundlich betrachten.
Damit ist es mir möglich, mich voll zu entfalten.
Ich weiß, dass es einiges an mir gibt, das mich verwirrt, und manches, das ich noch gar nicht kenne.
Aber solange ich freundlich und liebevoll mit mir umgehe,
kann ich mutig und hoffnungsvoll nach Lösungen für Unklarheiten schauen und Wege suchen,
mehr über mich selbst zu erfahren.
Wir auch immer ich aussehe und mich anhöre, was ich sage und tue, was ich denke und fühle
– immer bin ich es.
Es hat seine Berechtigung, weil es ein Ausdruck dessen ist, wie es mir im Moment gerade geht.
Wenn ich später zurückschaue, wie ich ausgesehen und mich angehört habe,
was ich gesagt und getan habe, wie ich gedacht und gefühlt habe,
kann es sein, dass ich einiges davon als unpassend herausstellt.
Ich kann das, was unpassend ist, ablegen und das, was sich als passend erwiesen hat,
beibehalten und etwas Neues erfinden für das, was ich abgelegt habe.
Ich kann sehen, hören, fühlen, denken, sprechen und handeln.
Ich besitze Werkzeuge, die ich zum Überleben brauche,
mit denen ich Nähe zu anderen herstellen und mich schöpferisch ausdrücken kann,
und mir helfen, einen Sinn und eine Ordnung in der Welt der Menschen und der Dinge um mich herum zu finden.
Ich gehöre mir und deshalb kann ich aus mir etwas machen.
ICH BIN ICH … und so, wie ich bin, bin ich ganz in Ordnung.
>> Download A1 Virginia-Satir ICH BIN ICH (PDF)
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