
Ein Erbfall wird schnell zum Familienkonflikt
Erben ist ein hoch emotionales Thema. Mit dem Tod eines Menschen kommt nicht nur die Trauer über den Verlust an die Oberfläche. Es zeigt sich zugleich das emotionale Erbe einer Familie in alten Verletzungen, ungeklärten Konflikten, Loyalitäten, Kränkungen und Verstrickungen, die über Jahre oder sogar über Generationen bestehen.
Der Nachlass wird dann zum Schauplatz emotionaler Auseinandersetzungen, die mit der rechtlichen Klärung nur wenig zu tun haben. Geld, Häuser oder persönliche Gegenstände bekommen eine emotionale Bedeutung, die weit über ihren materiellen Wert hinausgeht. Über sie werden Anerkennung, Zugehörigkeit, Gerechtigkeit und alte Rechnungen verhandelt.
Festgefahrene Rollen und ungelöste Konflikte spitzen sich zu. Was lange unter der Oberfläche geschwelt und keinen Ausdruck gefunden hat, bricht plötzlich offen aus. Der Versuch, ungelöste Beziehungskonflikte nun über das Erbe zu lösen, führt jedoch zu keiner wirklichen Klärung. Im Gegenteil. Die Fronten verhärten sich, Verletzungen nehmen zu, und der eigentliche Konflikt bleibt bestehen.
Doch weder Erbverwalter noch Rechtsanwälte sind für diese Beziehungskonflikte zuständig. Und auch das Erbrecht kann nicht klären, was innerhalb einer Familie emotional ungeklärt geblieben ist.
Erbkonflikte sind Beziehungskonflikte.
„Ich habe mich um alles gekümmert“
Eine Klientin Anfang 50 verliert ihre Mutter, die sie über Jahre gepflegt hat. Neben der Trauer ist sie mit einem Erbe konfrontiert, das sie als zutiefst ungerecht erlebt. Es gibt zwei weitere Geschwister, und laut Testament wird das vorhandene Barvermögen zu gleichen Teilen aufgeteilt.
Rechtlich ist die Situation damit zunächst klar. Emotional hingehen sind tiefe Verletzungen spürbar.
Während ihre Geschwister aufgrund der räumlichen Distanz, ihrer Familien und ihrer beruflichen Situation kaum in die Betreuung der Mutter eingebunden waren, hat die Klientin über Jahre einen großen Teil der Verantwortung übernommen. Sie organisierte Arzttermine, Einkäufe und Behördliches, war erreichbar, wenn etwas schwierig wurde, und kümmerte sich zunehmend auch um die alltäglichen Belange der Mutter. In den letzten Monaten war sie täglich bei ihr. Dabei ging sie weit über ihre eigenen Grenzen hinaus.
Immer mehr in ihrem Alltag richtete sich danach, wie es der Mutter ging, was sie brauchte und was gerade organisiert werden musste. Eigene Bedürfnisse, Pläne und Interessen hatten keinen Raum mehr und wurden immer wieder auf später vertagt. Nach dem Tod der Mutter entstand das Gefühl, kein wirklich eigenes Leben gehabt zu haben und auf der Strecke geblieben zu sein.
Ihre Geschwister lebten währenddessen ihr Leben weiter. Sie waren beruflich eingebunden, gingen auf Reisen und verbrachten Zeit mit ihren eigenen Familien. Aus Sicht der Klientin konnten sie ihr Leben zu gestalten, weil sie die volle Verantwortung für die Mutter übernommen hatte. Mit dem Tod der Mutter endet diese Verantwortung und es macht sich ein tiefes Loch auf.
„Ich habe mich um alles gekümmert. Und jetzt bekommen die anderen genauso viel.“
Die gleiche Aufteilung des Erbes empfindet die Klientin als ungerecht und als Mangel von Anerkennung und Wertschätzung ihrer Leistung. Im Verhältnis was sie aufgegeben und gleistet hat, würde ihr ein höherer Anteil zustehen.
Die Geschwister sehen die Situation anders. Sie verweisen darauf, dass die Mutter alle Kinder gleich behandeln wollte und dass die Klientin die Betreuung aus eigener Entscheidung übernommen habe. Niemand habe von ihr verlangt, das eigene Leben so weit zurückzustellen. Damit geraten zwei unterschiedliche Sichtweisen aufeinander. Je stärker die Klientin versucht, deutlich zu machen, warum sie die Aufteilung als ungerecht erlebt, desto stärker fühlen sich die Geschwister mit einer Verantwortung konfrontiert, die sie für sich nicht sehen. Je mehr sie sich dagegen wehren, desto weniger gesehen und anerkannt fühlt sich die Klientin wiederum.
Der Streit dreht sich nach außen um die Frage, wie das Erbe verteilt werden soll. Im Hintergrund geht es jedoch um Verantwortung, Verzicht, Anerkennung und um die Frage, wer in dieser Familie über Jahre welche Rolle übernommen hat.
Was sich hinter der Kränkung gezeigt hat
Da die Rechtslage im beschriebenen Erbfall klar war, brauchte es eine emotionale Klärung, damit der Konflikt die Beziehung zwischen den Geschwistern nicht dauerhaft belastet oder sogar zum vollständigen Bruch führt. Die Kränkung und Verletztheit meiner Klientin waren inzwischen so groß, dass sie sich zunehmend zurückzog, innerlich zumachte und depressive Symptome entwickelte.
Wir arbeiteten über mehrere Online-Autonomie-Aufstellungen zusammen und klärten dabei sowohl die Beziehungen zu den Geschwistern als auch die Beziehung zur verstorbenen Mutter.
In den Aufstellungen wurde zunächst sichtbar, wie selbstverständlich meine Klientin auch gegenüber ihren Geschwistern Verantwortung übernommen hatte. Sie fühlte sich unbewusst mitverantwortlich für deren Wohlbefinden, nahm mehr auf sich, als notwendig gewesen wäre, schonte die anderen und stellte die eigenen Bedürfnisse zurück. Gleichzeitig bestand die Erwartung, dass die Geschwister irgendwann sehen würden, was sie geleistet hatte, und ihr dafür Anerkennung geben würden. Doch mit dieser Erwartung waren die Geschwister die falsche Adresse.
Als Kind hätte sie Anerkennung, Spiegelung und Unterstützung durch ihre Eltern gebraucht. Als erwachsene Frau musste sie lernen, diese Verantwortung nicht mehr nach außen zu geben, sondern sich selbst ernst zu nehmen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und für die eigenen Grenzen einzustehen. Dafür war es notwendig, sich emotional aus der Abhängigkeit von den Reaktionen der Geschwister zu lösen und wieder stärker mit sich selbst in Verbindung zu kommen.
In der Beziehungsklärung mit der Mutter zeigte sich ein weiterer zentraler Punkt. Obwohl die Mutter bereits verstorben war, wartete ein Teil meiner Klientin innerlich noch immer auf deren Anerkennung und Spiegelung. Sie orientierte sich damit weiterhin an der Mutter und konnte sich nur eingeschränkt an der eigenen Perspektive ausrichten.
Erst im Verlauf der Arbeit wurde ihr bewusst, wie stark sie bereits früher versucht hatte, die Mutter emotional zu stabilisieren, zu entlasten und zu retten. Das eigene Leben wurde überhaupt nicht in Angriff genommen, da das Leben der Mutter der Lebensmittelpunkt war. Innerlich wartete sie auf eine Art Erlaubnis, irgendwann selbst leben zu dürfen. Mit dem Tod der Mutter entstand äußerlich erstmals Raum für eigene Schritte. Innerlich fühle die Klientin jedoch vor allem Leere.
Wenn es über viele Jahre kaum um die eigenen Bedürfnisse gegangen ist, fehlt auch die Erfahrung damit, was man selbst möchte, wo die eigenen Grenzen liegen und wie Beziehungen gestaltet werden können, ohne sich dabei selbst aufzugeben. Auch das Verhandeln auf einer erwachsenen Ebene musste sich erst entwickeln, indem sie lernte, aus der eigenen Autonomie heraus zu handeln, Erwartungen auszusprechen, Verantwortung beim anderen zu lassen und einen Konflikt auszuhalten, ohne sofort wieder mehr zu übernehmen.
Mit der starken Kränkung im Erbstreit waren zugleich ältere traumatische Erfahrungen des Nicht-gesehen-Werdens verbunden. Das wurde erst im weiteren Verlauf der Aufstellungen deutlich. Der Erbfall war nicht die Ursache dieser Verletzung. Er hatte eine alte Wunde berührt, die im Heute dazu führte, dass meine Klientin sich zurückzog und innerlich verschloss, anstatt in ihr eigenes Leben zu gehen. Erst als eine innere Grenze zwischen damals und heute entstand, kam auch die Lebensfreude allmählich zurück. Mit der Zeit wurde es möglich, in Beziehungen und auch im beruflichen Kontext nicht mehr automatisch übermäßig Verantwortung zu übernehmen und für sich einzustehen.
Auch der Kontakt zu den Geschwistern veränderte sich. Er ist heute nicht besonders eng. Aber sie können sich wieder in die Augen schauen, miteinander sprechen und in Kontakt sein, ohne dass eine unterschwellige Spannung ständig zwischen ihnen steht.
Wenn der Erbstreit nur der Auslöser ist
Erbstreitigkeiten lassen sich nicht immer dadurch lösen, dass sich alle Beteiligten einigen oder wieder Nähe entsteht. Manchmal besteht die eigentliche Aufgabe zunächst darin, die eigene Position zu klären und zu verstehen, warum ein aktueller Konflikt eine so starke emotionale Wirkung entfaltet.
Wenn alte Verletzungen, familiäre Rollen oder ungelöste Beziehungskonflikte durch einen Erbfall berührt werden, kann eine therapeutische Klärung helfen, zwischen dem aktuellen Konflikt und der eigenen Familiengeschichte zu unterscheiden. Dadurch verändert sich nicht die rechtliche Situation, aber der innere Druck und damit die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, Grenzen zu setzen und mit den anderen Beteiligten auf einer erwachsenen Ebene in Kontakt zu bleiben.
Mehr über Erbstreit, familiäre Verstrickungen und Online-Autonomie-Aufstellungen
Einmal im Monat therapeutische Impulse
Neue Blogbeiträge, therapeutische Impulse und Gedanken zu Trauma, Beziehungen, Selbstwert und Autonomie – einmal im Monat direkt in dein Postfach.
