Übersteigertes Verantwortungsgefühl

DAS WOHLBEFINDEN DER ANDEREN LIEGT NICHT IN DEINER VERANTWORTUNG

Erlebst du dich als besonders hilfsbereiten Menschen? Hast du immer ein Ohr für die Belange der anderen? Gibst du lieber als selbst etwas anzunehmen? Hast du immer eine Lösung für die Angelegenheiten oder Probleme der Anderen parat? Machst du dir Gedanken um Andere und fühlst dich dabei als besonders wertvoll? Vielleicht kannst du dich auch gut einfühlen in Menschen, was sie so brauchen und erwarten? All dies sind Anzeichen eines übersteigerten Verantwortungsgefühl und geht auf Kosten deiner Selbstverbindung. 

Eine zeitlang kann das funktionieren, vielleicht wenn man noch jung ist und Kraft hat. Da steckt man schon einiges weg. Aber die Belastungen im Beruf, die wachsende Vernetzung, die permanente Erreichbarkeit, die komplexen und komplizierten Beziehungen zollen ihren Tribut. Irgendwann kommt der Punkt, wo gar nichts mehr geht. Erschöpfung, Überforderung, innere Leere, Unruhe, Schlafstörungen, Frust, Kompensationsverhalten zur Stressbewältigung. Oft staut sich eine immense Wut an, die wiederum unterdrückt werden muss, da es nicht in das eigene überangepasste Selbstbild passt. Lieber sieht man sich als guter Engel, der alles für andere macht und die Bedürfnisse der anderen von ihren Augen ablesen kann. Der Frust und die Enttäuschung sind groß, wenn das pure Gold, was ungefragt verschenkt wird, nicht gesehen und nicht wertgeschätzt wird, wenn andere sich plötzlich abgrenzen oder sich distanzieren. 

ÜBERSTEIGERTES VERANTWORTUNGSGEFÜHL VERSUS VERANTWORTUNGSBEWUSSTSEIN

Ein übersteigertes Verantwortungsgefühl speist sich häufig aus einem geringen Selbstwert. Man fühlt sich nur wertvoll, wenn man sich bei anderen nützlich macht und einmischt. Es kann sein, dass man unbewusst der Überzeugung ist, nicht genug zu sein, falsch zu sein, keine Existenzberechtigung zu haben.

Die Kontaktaufnahme findet nicht auf Augenhöhe, von Selbst zu Selbst statt, sondern man handelt aus einem eigenen falschen Selbst. Das falsche Selbst ist der Schatten, daher kann man auch von dem beschatteten Selbst sprechen. Die Handlungen sind nicht authentisch, nicht aus der inneren Mitte, sondern verbunden mit viel Stress und Gefühlen der Ohnmacht, Hilflosigkeit, Kontrollverlust, Wertlosigkeit. Um alle diese schwierigen Gefühle nicht zu spüren, bewegt man sich ungefragt in fremden Räumen. Man kennt sich bei anderen besser aus als bei sich selbst. 

Ungefragte Ratschläge, Problemanalysen und das Offerieren von Lösungsmöglichkeiten sind unkontrollierte Impulse und Ausdruck eines übersteigerten Verantwortungsgefühl. Das beschattete Selbst tritt als Größen-Selbst auf die Bühne, was sich unbewusst über andere stellt, versucht zu manipulieren, Einfluss auf andere zu nehmen und Kontrolle auszuüben, um den eigenen Mangel nicht zu spüren. Dabei fühlt man sich überlegen, besser als andere und versucht den eigenen Selbstwert damit aufzubauen. Dadurch entsteht emotionale Abhängigkeit. Immer wieder muss die schmerzhafte Erfahrung der Ablehnung gemacht werden, weil andere Menschen das als übergriffig empfinden. Oder sie finden es ganz super, wenn man so ungefragt tätig wird und lassen sich bedienen. Das ist ein hoher Preis. Eine ausreichende Anerkennung oder Balance wird es dafür nicht geben und man verbraucht eine Menge Lebensenergie, die ins Leere läuft und wenig oder nichts zurück kommt. So brennt man Stück für Stück aus.

Wer sich aus dieser Falle befreien will, muss lernen gesunde Grenzen aufzubauen und loszulassen von den eigenen Illusionen und Größenphantasien, dass man bei Anderen etwas bewirken kann oder zuständig ist.

Jeder Mensch ist vollständig in sich selbst. 

Ein Verantwortungsbewusstsein lässt sich nicht von symbiotischen Gefühlen oder Größenphantasien leiten, sondern nährt sich aus dem wahren Selbst, der inneren Mitte, dem Bewusstsein seiner Selbst. Mit einer gesunden Selbstverbindung, ist man sich sicher, wer man ist und wer man nicht ist, wo man zuständig ist und wo nicht. Aus einem gesunden Selbstwertgefühl heraus, kennt man die eigenen Grenzen und kann auch die Grenzen der Anderen achten. Es gibt ein klares Ja und ein klares Nein. Verantwortungsbewusstsein beinhaltet sich seiner selbst bewusst zu sein und Verantwortung für die eigenen Handlungen zu übernehmen und die Konsequenzen zu tragen. Anderen Menschen begegnet man in Achtung, dass jeder seinen eigenen Weg geht oder auch nicht. Es steht niemanden zu darüber zu urteilen oder sich ungefragt einzumischen. Ein Spruch dazu „Trage niemanden über den Fluß, der nicht gehen will.“

Je mehr man loslässt, desto größer wird der eigene Raum frei und desto stärker die Selbstverbindung. Ein übersteigertes Verantwortungsgefühl wandelt sich in eine gesundes Verantwortungsbewusstsein. 

DIE ENTSTEHUNG EINES ÜBERSTEIGERTEN VERANTWORTUNGSGEFÜHL

Ein übersteigertes Verantwortungsgefühl gründet in der Kindheit. Es ist eine Überlebensstrategie, um die schmerzlichen Erfahrungen von Verlassenheit, Einsamkeit, Verlust, emotionaler Kälte oder Leere nicht zu spüren. Wenn Eltern nicht greifbar sind, ihre Kinder aufgrund eigener Traumatisierungen nicht hören und nicht sehen können, Kinder in ihren Bedürfnissen nicht gespiegelt werden, müssen sie aus ihrer kindlichen Abhängigkeit Strategien des inneren Überlebens entwickeln: Anpassung, Unterdrückung eigener Bedürfnisse, Hochsensibilität, Größenphantasien. Sie verlieren ihren Selbstkontakt und entfremden sich immer mehr von sich selbst. Das führt im späteren Leben zu psychischen und körperlichen Symptomen, die darauf aufmerksam machen, dass man nicht bei sich selbst ist. 

Überlebensstrategien sichern das Überleben, aber nicht das Leben. Das Erleben der Vollständigkeit geht verloren und es entsteht Mangel. Ein Gefühl der Fülle und Vollständigkeit lässt sich nicht im Überlebensmodus erreichen. An jeder Überlebensstrategie hängt der unverarbeitete traumatische Stress. Mit Selbstfürsorge, Achtsamkeit oder Meditation lassen sich keine Überlebensstrategien lösen. Sie können die Symptome betäuben oder beruhigen, aber nicht lösen. Überlebensstrategien sind nur an der Wurzel zu lösen. In kleinen Schritten, mit der notwendigen Würdigung und Achtung. Es ist ein Prozess des Loslassen und der heilsamen Trauer. Trauer führt wieder zu sich selbst. Der Stress von damals kann traumatherapeutisch nachverarbeitet werden und muss nicht weiter im Körper und in der Seele seine Symptome bilden.

Bei sich selbst angekommen entsteht ein innerer Ort der Ruhe, der Kraft und unaufgeregten Vitalität. Verantwortung für sich selbst macht frei. Man muss sich nicht für andere zuständig fühlen, die Energie fließt in den eigenen Selbstwert. Dadurch entsteht Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit.