Grenzen setzen & Grenzen achten

GRENZEN SETZEN & GRENZEN ACHTEN IN BEZIEHUNGEN

Die Fähigkeit eigene Grenzen und die anderer Menschen zu erkennen, wirkt sich auf den Selbstwert, das Selbstbewusstsein und einen gesunden Lebensstil aus. Klare Grenzen zu setzen und zu achten, ist die Voraussetzung für gesunde Beziehungen.

Eine Grenze ist eine „Grundstücksmarkierung“ und definiert den persönlichen Raum. Grenzen setzen und Grenzen achten, ist wichtig, um für andere sichtbar zu werden, sich selbst gut zu schützen und eine Beziehung auf Augenhöhe zu erleben. Dazu baucht es eine stabile Selbstverbindung und klare Grenzen. Martin Buber schreibt: „Ein klares ICH und ein klares DU, ergeben ein klares WIR“.

Auf einer Skala von 1-10, wie würdest du dich einschätzen:

  • Wie schwer oder leicht fällt dir, deine Grenzen zu zeigen?
  • Wem gegenüber musst du klare Grenzen setzen?
  • Was brauchst du, um dich abgrenzen zu können?
  • Was brauchst du, um die Grenzen von anderen zu erkennen?
  • Wessen Grenzen musst du respektvoller achten?
  • In welchen Situationen solltest du Grenzen öffnen?

Grenzen setzen und Grenzen achten, zählt zu den zentralen Fähigkeiten für zwischenmenschliche Beziehungen. Wer seine Grenzen nicht kennt, missachtet auch die Grenzen von anderen. Gesunde Grenzen erfordern eine gesundes Selbstwertgefühl, das Wissen um eigene Bedürfnisse und Werte und die Fähigkeit des Ausdrucks einer gesunden Aggression. 

Überforderung Grenzen setzen

ÜBERFORDERUNG, ENERGIEVERLUST, AUFOPFERUNG  

Hilfsbereit sein, sich um andere kümmern, immer ein offenes Ohr haben, auf die Bedürfnisse des Anderen eingehen, sind alles Aspekte, die erstmal ein positives Selbstbild ergeben. Man identifiziert sich gerne mit den gesellschaftlich anerkannten Eigenschaften. Selbstlose Menschen werden auch immer wieder gerne in den Vordergrund gerückt und als Vorbild hergehalten. Im Berufsleben sind die selbstlosen Mitarbeiter gerne gesehen. Sie machen unbezahlte Überstunden, bringen sich mit viel Engagement ein, haben ein übermäßiges Verantwortungsgefühl, fordern wenig bis nichts. Manchmal ist ihn das Lob auch noch peinlich oder man muss nicht viel tun, um sie zu noch mehr Leistung zu motivieren. Mit einem kleinen Dank sind sie schnell zufriedenzustellen. 

Doch es lohnt sich ein zweiter Blick hinter die Dynamiken einer selbstlosen Gesellschaft und vor allem deren Folgen. Ein selbstloses Dasein geht einher mit Überforderung, Energieverlust, Unproduktivität, Burnout und in weiterer Folge mit körperlichen Erkrankungen. Es ist das falsche Spiel mit maximalen Einsatz und null Gewinn. 

Wie das Wort „selbstlos“ schon ausdrückt, ist man losgelöst von seinem Selbst. Die Selbstverbindung ist nicht mehr vorhanden und man erlebt sich als getrennt. Man ist mit der Aufmerksamkeit mehr bei den anderen als bei sich selbst. Die eigenen Grenzen werden nicht mehr wahrgenommen und es kommt zum Selbstverlust und zur Selbstverleugnung. Damit einher geht ein mangelndes Selbstwertgefühl und fehlende Selbstachtung. 

Wer im therapeutischen Prozess mit den Dynamiken der Überforderung arbeitet, kommt auch schnell an das Gefühl der Scham. Meistens tauchen erst die schambasierten inneren Überzeugungen auf, wie „Ich bin nicht liebenswert“, „Ich muss mich anstrengen“oder „Ich bin nicht gut genug.“ Diese oft unbewussten Glaubenssätze oder Überzeugungen kommen aus seelischen Verletzungen in der Kindheit. Therapeutisch gesprochen handelt es sich dabei um „ICH-Fremdes“. Die negativen inneren Überzeugungen gehören nicht zur Identität, werden aber als solche wahrgenommen. Es braucht Zeit, sich von diesen inneren Überzeugungen ganz zu lösen. Scham tritt im Weiteren auf, wer erkennt, wie man mit sich selbst umgegangen ist. Nicht nur die Anderen haben mit ihren Abwertungen oder Kränkungen ihre Spuren hinterlassen, sondern auch die eigene fehlende Fähigkeit NEIN zu sagen und Grenzen zu setzen. Um die Selbstachtung zurück zu gewinnen, braucht es den liebevollen und mitfühlenden Blick auf sich selbst, dass man es bisher nicht anders konnte. Das eigene Mitgefühl lässt die seelischen Wunden heilen.

Jeder muss selbst lernen, sich gut abgrenzen zu können. Und das geht nur mit einer stabilen Selbstverbindung. Erst dann wird es möglich, Abgrenzung als einen Beziehungsaspekt zu leben anstatt als eine Überabgrenzung oder Kontaktabbruch. Denn nur wer sich nicht gut abgrenzen kann, muss raus aus dem Kontakt und sich zurückziehen.

Eine stabile Grenze ist die Voraussetzung zur Aufrechterhaltung einer Beziehung ohne sich selbst zu verlieren. In einer Beziehung auf Augenhöhe spürt man die Bedürfnisse des Anderen und die eigenen. 

Grenzen setzen Ängste

GRENZEN SETZEN & ÄNGSTE

Grenzen setzen und Ängste zeigen sich oft im Duo und lösen ambivalente Gefühle aus. Auf der einen Seite möchte man sich abgrenzen und auf der anderen Seite hat man Angst vor Ablehnung, vor Zurückweisung, vor Verlust, vor Verlassenwerden, vor Alleinsein. Ängste sind Ausdruck des Selbstverlusts und bringen es uns dazu, die Aufmerksamkeit mehr auf das Außen zu richten als auf uns selbst. Durch entsteht Abhängigkeit. Man braucht von Außen die Bestätigung wertvoll und liebenswert zu sein anstatt die Würde und den Wert aus sich heraus zu spüren. 

Ängsten liegen Erfahrungen zugrunde, wo man nicht in seinen eigenen Bedürfnissen gesehen und genährt wurde. Man musste mehr den Erwartungen anderer entsprechen als die eigenen Vorstellungen auszuleben. Häufig finden die Urerfahrungen in der Kindheit statt, die sich dann im Erwachsenenalter in den Beziehungen wiederholen. Man wird abgewertet, nicht erst genommen, manipuliert, verlassen und hat ständig das Gefühl um Anerkennung kämpfen zu müssen oder ganz viel zu leisten.

Angst ist ein Blockadegefühl. Angst blockiert den spontanen Ausdruck, das Lebendige in uns selbst. Angst ist auch ein Verräter an den eigenen Bedürfnissen. Die eigenen Bedürfnisse werden denen von anderen untergeordnet. Sie sind nicht gleichwertig und werden nicht in die Beziehungsgestaltung mit eingebracht. Die eigenen Bedürfnisse werden im Kontakt mit anderen nicht wahrgenommen oder unterdrückt. Damit geht die Lebenskraft verloren und man fühlt sich eher als würde man mit einer Handbremse durchs Leben gehen.

Hinter den tiefliegenden Ängsten stehen traumatische Erfahrungen, die immer noch „wirksam“ sind und daran hindern, den eigenen gesunden Schutzreflex auszuleben. Das heißt, in aktuellen Situationen schwingt immer die Angst von damals mit, so dass auch keine neuen Erfahrungen gemacht werden können. Man bleibt in den alten Erfahrungen regelrecht hängen. Man erkennt dies, wenn man gefühlt immer wieder die gleichen Situationen vorfindet.

Therapeutisch heißt es nicht, die Angst wegzubekommen, denn Angst ist auch ein wichtiger Marker. Es geht darum, die traumatische Ursprungserfahrung zu distanzieren, so dass sie nicht mehr in aktuellen Situationen getriggert werden kann. So kann ein neuer gelassener Umgang mit Grenzen setzen gelernt werden anstatt aus der Angst heraus zu handeln und sich selbst zu verleugnen.

GRENZEN ACHTEN & FRUSTRATIONSTOLERANZ LERNEN

Im Leben sind wir nicht alleine für Grenzen verantwortlich. Es gilt das Realitätsprinzip. Grenzen setzen und Grenzen achten. Der mangelnde Respekt vor den Grenzen anderer zeigt sich in den eigenen Kränkungen, sich ständig für andere zuständig fühlen, anderen nicht zuzutrauen, dass sie ihre Probleme auf ihre Weise lösen.

Grenzen achten hat auch mit der Fähigkeit zu tun, Frustration auszuhalten. Andere Menschen sind nicht dazu da, unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Wir können Bedürfnisse äußern und Wünsche formulieren, aber jeder hat das Recht diese abzulehnen und uns Grenzen zu setzen. Das muss man lernen auszuhalten und einen souveränen Umgang finden. Grenzen respektieren, gehört zum Erwachsenenleben dazu. Als Kinder sind wir darauf angewiesen, dass die Eltern die Bedürfnisse, insbesondere die Kernbedürfnisse erfüllen und voll und ganz nähren. Dann können wir uns gut entwickeln und ein gesundes Selbstwertgefühl aufbauen. Wenn wir Erwachsen sind, sind wir (leider) alleine dafür verantwortlich. Wir müssen schauen, wo wir das kriegen, was wir brauchen – unabhängig von einer bestimmten Personen.

Wer ein geringes Selbstwertgefühl hat, muss oft viel leisten, um sich wertvoll zu fühlen. Dabei werden Grenzen von anderen missachtet. Man geht ungefragt in dessen „Räume“ und fühlt sich für Dinge zuständig, die einem nichts angehen. Daher ist es genauso wichtig zu lernen, Grenzen zu achten wie Grenzen zu setzen. Wenn man sich den eigenen Mustern bewusst wird, wird häufig auch erst bewusst, wie oft man die Grenzen von anderen missachtet, nur um sich selbst gut zu fühlen. Häufig geht das auch mit einem Erleben einher, man wäre so ein „guter Engel“. Dabei ist es nur eine Manipulation. Man braucht oder will Anerkennung und dafür beginnt man viel zu leisten. Wer den Wert und die Würde aus sich heraus hat, muss nichts leisten oder sich bei anderen unentbehrlich machen, um sich wertvoll zu fühlen. 

Wer es schlecht aushalten kann, wenn andere Menschen sich gut abgrenzen können, hat eher Kontakt zu Bedürftigen oder zu Traumatisierten. Beide spüren Grenzen wenig bis gar nicht. Dann steckt man viel Energie in die Beziehung rein und bekommt nichts zurück. Hier ist man gefordert eine Sensibilität für die Grenzen anderer zu entwickeln und die Grenzen zu achten.

Es werden auch nicht alle Bedürfnisse erfüllt werden können, auch wenn wir es uns noch so sehr wünschen. Dann bleiben Bedürfnisse offen und man muss die Realität mit dem damit verbundenen Verlust anerkennen.

GRENZENLOSE WÜNSCHE & BEDÜRFNISSE 

Grenzenlose Wünsche und Bedürfnisse sind ein Hinweis auf unerfüllte Kernbedürfnisse. Immer mehr haben wollen, Suchtverhalten bei Shopping, Essen, Arbeit, … sind nur ein Kompensationsversuch. Der Kompensationsversuch wird jedoch immer scheitern und die Sucht oder Gier bleibt aufrecht, da es keine wahre Befriedigung gibt. 

Therapeutisch ist zu erforschen, welches Kernbedürfnis nicht gestillt ist – nach Liebe, Resonanz, Kontakt, Autonomie, Vertrauen. In der therapeutischen Beziehung und Arbeit besteht die Möglichkeit das Bedürfnis nachzunähren, um das Suchtverhalten zu lösen.

Autonomie Aufstellungen

ONLINE-AUTONOMIE-AUFSTELLUNGEN FÜR DEN AUFBAU GESUNDER GRENZEN

Für gesunde Grenzen braucht es ein gutes Selbstwertgefühl, die Integration aggressiver Impulse und das Spüren der eigenen Bedürfnisse. 

Die Autonomie-Aufstellungen sind eine Methode, um die ICH-Struktur zu stärken, den eigenen Raum wieder zu spüren und die Selbstverbindung aufzubauen. Mit der Selbstverbindung wächst die Grenze für den persönlichen Raum. Mit der Aufstellungsmethode lernt man aktiv zu unterscheiden, wo. man zuständig ist und wo man nicht zuständig ist. Das Erkennen, wo man im Raum des Anderen ist, bietet die Möglichkeit bewusst wieder in den eigenen Raum zu gehen und sich mit sich selbst zu verbinden.

Beziehungsklärungen sind für den Aufbau gesunder Grenzen sehr hilfreich genauso wie das erforschen von eigenen Blockaden.