
Wenn das Leben fremdgesteuert scheint
Viele Menschen funktionieren, ohne es zu merken. Sie erfüllen Erwartungen, passen sich an, streben nach Anerkennung und verlieren dabei den Kontakt zu sich selbst. Die Folge: Selbstentfremdung. Wer entfremdet von sich selbst lebt, orientiert sich an einem „falschen Selbst“, das wenig mit den echten Bedürfnissen und Gefühlen zu tun hat.
Um Veränderungen durch Psychotherapie zu spüren, braucht es Zeit. „Wie lange dauert eine Therapie?“, „Ich spüre noch keine positive Veränderung und wir hatten doch schon drei Sitzungen.“, „Ich gebe mir so maximal sechs Monate für die Veränderung“, „Es geht mir wieder schlechter. Das führt doch alles zu nichts.“ sind wiederkehrende Fragen und Aussagen.
Ich kann die Ungeduld sehr gut verstehen. Als ich vor über 20 Jahren mit meinem Prozess begonnen habe, hätte ich nicht für möglich gehalten, wie lange Veränderungen brauchen und auch reifen müssen. Lebensthemen zeigen sich immer wieder in einem neuen Kleid. Eine andere Facette des Lebensthemas kommt zum Vorschein, je nach Alter und Lebensumständen. Manche Themen lassen sich schnell bearbeiten und lösen und andere brauchen Jahre. Sie ziehen sich hin, sind zäh, kommen immer wieder und führen auch zu Unmut und Frust im Entwicklungsprozess. Da glaubt man, man hätte das Problem gelöst und schwups kommt es von der Hintertür wieder rein.
Das falsche Selbst – eine Überlebensstrategie
Das sogenannte falsche Selbst entsteht meist früh in der Kindheit, oft im Zusammenspiel mit traumatisierten Bezugspersonen oder als Folge eigener Verletzungen. Es ist eine Schutzkonstruktion, die helfen soll, Kontrolle über das Leben zu behalten und Schmerz zu vermeiden. Doch dieser Schutz hat seinen Preis: das Abspalten des wahren Selbst.
Typisch sind Glaubenssätze wie:
- „Du musst dich anstrengen, um geliebt zu werden.“
- „Nur wenn du perfekt bist, hast du das Leben verdient.“
- „Wenn du etwas leistest, bekommst du Anerkennung.“
Diese inneren Überzeugungen formen das Bild eines Ideal-Selbst, das unerreichbar ist und doch ständig angestrebt wird.
Die Überlebensstrategien zeigen sich häufig in drei Grundmustern:
- Stärker sein als alle anderen – Schwäche ist keine Option.
- Keine Fehler machen – Fehler bedeuten Gefahr.
- Besondere Leistungen erbringen – nur so scheint man wertvoll.
Diese Muster verschaffen kurzfristig Orientierung und vermeintliche Sicherheit. Langfristig jedoch führen sie in Erschöpfung, Isolation und ein Gefühl innerer Leere.
Warum Selbstentfremdung abhängig macht
Wer sich selbst entfremdet, ist oft abhängig von äußeren Bewertungen: Lob, Leistung, Anerkennung oder Harmonie. Die Angst, wieder verletzt oder verlassen zu werden, verhindert es, sich Hilfe zu holen oder eigene Grenzen zu achten. Stattdessen wird versucht, durch Selbstoptimierung oder Helfen das innere Loch zu füllen – meist vergeblich.
Das falsche Selbst produziert viele „Ich muss“- und „Ich sollte“-Sätze:
- Ich darf keine Schwäche zeigen.
- Ich muss immer funktionieren.
- Ich sollte es alleine schaffen.
Diese inneren Antreiber verhindern, dass man echte Bedürfnisse wahrnimmt oder überhaupt spürt. Gefühle wie Wut, Trauer oder Angst werden oft unterdrückt oder abgespalten, aus Angst, alten Schmerz zu berühren.
In Beziehungen wird Selbstentfremdung besonders deutlich. Der fehlende Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen erschwert ehrliche Nähe. Oft entstehen Missverständnisse, Überanpassung oder Machtkämpfe, begleitet von einem vagen Gefühl, nicht man selbst sein zu dürfen.
Das Leid der Selbstentfremdung
Die Identifikation mit dem falschen Selbst und den daraus entstehenden Denk- und Handlungsmustern lösen ambivalente Gefühle aus. Auf der einen Seite kann es sich lebendig anfühlen, einhergehend mit Größenphantasien und auf der anderen Seite zeigen sich Selbstzweifel, Stress und Minderwertigkeit. Das Pendel schlägt mal in die eine Richtung und mal in die andere.
Es entsteht eine enorme Abhängigkeit von der Bestätigung anderer. Die Selbstentfremdung wird immer größer. Man lebt nicht sich selbst, sondern ein Bild von sich selbst – das Falsche. Wahres Fühlen, Wünschen und Wollen kommt nicht vor und wird verdrängt oder unterdrückt, was viel Energie kostet.
Menschen, die sich mit dem falschen Selbst identifizieren und daraus handeln, fühlen sich oft stolz. Stolz, dass keiner so große Ziele und Ideale verfolgt wie sie selbst. Sie fühlen sich überlegen und besonders. In Wahrheit hat dies alles nichts mit dem wahren Selbst zu tun. Der Mensch ist selbstentfremdet.
Der Preis für die Selbstentfremdung ist hoch und geht früher oder später mit einem großen seelischen Leid einher.
Unter innerem Druck kann jedoch ein Mensch seinem wahren Selbst entfremdet werden. Dann setzt er den größten Teil seiner Kräfte dafür ein, sich mithilfe eines starren Systems innerer Gebote zu einem Wesen von absoluter Vollkommenheit zu formen. Denn nur göttergleiche Vollkommenheit kann die Erfüllung des idealisierten Vorstellungsbildes, das er von sich hat, ermöglichen, nur sie kann seinen Stolz auf jene Eigenschaften befriedigende er seinem Gefühl nach besitzt, besitzen könnte und sollte., Karen Horney, Psychoanalytikerin 1885-1952
Die Herzenswünsche der Klienten – Freiheit und Unabhängigkeit
Ich frage im Erstgespräch immer nach den Herzenswünschen. In den wesentlichen Wünschen zeigen sich auffällig wenig Unterschiede. Der Wunsch frei zu sein, unabhängig und bei sich selbst anzukommen, sind zentral.
Um sich wirklich frei und unabhängig zu fühlen, braucht es ein hohes Maß an Autonomieentwicklung. Dazu zählen:
- im Kontakt mit anderen bei sich selbst zu bleiben
- eigenverantwortlich zu handeln
- Wissen um den eigenen Wert und die eigenen Bedürfnisse
- ein starkes Selbstwertgefühl
- ein gesunder Schutzmechanismus
- die Integration aggressiver Impulse
Verletzende Erfahrungen in der Kindheit wie Abwertung, Missachtung, Missbrauch, Gewalt, Enttäuschungen, Nicht-gesehen- und Nicht-gehört-Werden, negative Glaubenssätze und unterdrückte Gefühle arbeiten gegen ein starkes Selbstwertgefühl. Sie schwächen das Selbstwertgefühl und so entstehen destruktive Symbiosemuster, die sich in der unbewussten Anpassung an die Eltern oder Rebellion gegen die Eltern äußern. Beides führt weg von uns selbst.
Warum Veränderung Zeit braucht
Im Grunde sind zwei bis drei Jahre Therapie oder Persönlichkeitsentwicklung kurz, wenn man berücksichtigt, wie lange destruktive Muster gelebt werden und sich seit der Kindheit aufgebaut haben. Letztlich redet man hier von 30-40 Stunden Therapie über die Jahre. Das ist eine normale Arbeitswoche.
Veränderungen brauchen Zeit:
- Was über Jahrzehnte verinnerlicht wurde, kann nicht in ein paar Monaten verschwinden.
- Unsere Schutzmechanismen der Verdrängung und des Nicht-Wahrhaben-Wollens sind immens stark.
- Seelische Verletzungen in der Kindheit führen zu Überlebensstrategien, die nicht so schnell aufgegeben werden.
- Die Seele und der Körper können nicht so viel auf einmal verarbeiten.
- Bis verdrängte Gefühle ins Bewusstsein kommen und vergangener Schmerz gefühlt werden kann, braucht es einen inneren Boden, eine stabile ICH-Struktur und eine tragfähige therapeutische Beziehung.
Entwicklungsphasen auf dem Weg zu sich selbst
Von der ICH-Struktur zur Autonomie
C. G. Jung beschreibt, dass in jüngeren Jahren der Aufbau und die Stärkung der ICH-Struktur im Vordergrund stehen. Der Mensch baut seine Persona, sein ICH und seine Existenz auf. Die Entwicklung der Autonomie, erwachsen werden und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, gehören zum Aufbau einer Struktur mit klaren Grenzen. Grenzen zeigen, wer man ist und wer man nicht ist.
Die zweite Lebenshälfte und das wahre Selbst
In der zweiten Lebenshälfte zeigen sich die komplexen Themen, die zur Entfaltung des wahren Selbst führen oder sie blockieren. Zum wahren Selbst gehört die Erfahrung der Ganzheit und die Integration der Gegensätze. Gegensätze gehören zum Leben und es gilt, diese auch aushalten zu können.
Es ist das krampfhafte Festhalten an positiven Gefühlen und das Verdrängen schwieriger Gefühle wie Hass, Wut, Ohnmacht, Trauer, Ekel oder Scham, das Entwicklung verhindert. Wer Gefühle ausblendet und nicht integriert, verliert an Lebendigkeit. Eine ganzheitliche Erfahrung wird unmöglich. Ängste nehmen zu und rauben den Boden für Veränderungen.
Wie therapeutische Veränderung entsteht
Im therapeutischen Prozess wird Unbewusstes ins Bewusstsein geholt, um Schritt für Schritt verarbeitet zu werden. Dabei handelt es sich um alten, unverarbeiteten Stress, der immer wieder getriggert werden kann. Im Laufe des Lebens bildet sich ein Stressornetzwerk aus traumatischen Erfahrungen, negativen Überzeugungen, inneren Kritikern, falschen Identifikationen und Überlebensstrategien. Im therapeutischen Prozess werden diese Stressoren herausgearbeitet, um den damit verbundenen Stress nachzuverarbeiten.
Was braucht es für nachhaltige Veränderungen?
- Arbeit im Hier und Jetzt
- Achtsamkeit
- Gefühle fühlen
- Körper wahrnehmen
- Aggression als Lebenskraft spüren
- Beziehung zu sich selbst stärken
- Gesunde Grenzen entwickeln
Die Rolle des Therapeuten – Begleiter, nicht Heiler
Therapeuten sind keine Heiler und können auch keine Wunder vollbringen. Der Heiler ist man selbst. Ziel ist, die eigenen Selbstheilungsprozesse und die Selbstregulierung zu stärken. Damit wird auch die Achtung vor dem Schicksal eines jeden Menschen und die Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen ausgedrückt. Therapeuten sind sichere Begleiter, um Verdrängtes behutsam ins Bewusstsein zu holen, professionelle Unterstützer den Schmerz zu halten und resonanzspendende Gegenüber gegen die Leere-Erfahrungen in der Kindheit. Therapeuten unterstützen den Weg der Autonomieentwicklung und nicht sich wieder abhängig zu machen. Auch nicht vom Therapeuten.
Selbstbestimmt leben, eigene Entscheidungen treffen und dafür die Verantwortung zu übernehmen, machen frei und unabhängig. Der Weg zum wahren Selbst, zur Ganzheit heißt, alles Schritt für Schritt aus dem Weg zu räumen, was dem im Wege steht.
Von der Selbstentfremdung zum Selbstvertrauen
Der Weg von der Selbstentfremdung zum Selbstvertrauen ist sicher kein leichter, aber ein lohnenswerter. Innere Ruhe, eine stabile Identität und den eigenen Platz im Leben finden gehen mit der Selbstverbindung einher. Es ist ein Prozess, die eigenen Traumata loszulassen und sich von dem falschen Selbst zu lösen.
In Schichten werden die falschen Idealvorstellungen in der therapeutischen Arbeit abgetragen, damit Raum für Selbstverbindung entsteht. Mit der Selbstverbindung entsteht der Kontakt zu den verdrängten Gefühlen, die endlich im geschützten Raum gefühlt werden dürfen. Die wahren Bedürfnisse kommen zum Vorschein.
Die Verbindung mit dem wahren Selbst ist geprägt von dem Wissen vollständig zu sein, unabhängig und frei.
Werde ganz, der du bist
Gestalttherapie ist ein Weg, sich seiner selbst gewahr zu werden. Sie bedeutet, den Menschen in die Lage zu versetzen, seinen Körper zu spüren, Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, Gedanken zu beobachten und die Folgen seines Handelns zu erkennen.
Ganzheit ist das angestrebte Ziel eines jeden Menschen.
Auf dem Weg zeigen sich immer wieder Blockaden, die den Zugang zu sich selbst versperren. Das können schwierige Gefühle, traumatische Erfahrungen oder Glaubenssätze sein. In Situationen mit überwältigenden Gefühlen spaltet die Seele Selbstanteile ab, um zu überleben. Diese Anteile stehen später nicht mehr vollständig zur Verfügung. Es entstehen Gefühle von Angst, Mangel, Abhängigkeit und Unvollständigkeit.
Selbstintegration ist ein Prozess, sich mit den abgespaltenen Selbstanteilen auseinanderzusetzen und sie wieder zu integrieren. Mit der wachsenden Integration der Selbstanteile wird der eigene Raum präsenter, die Handlungsoptionen breiter und die Wahrnehmung für eigene Grenzen und die Grenzen anderer sensibler.
Über Dr. Julia Belke
Dr. Julia Belke ist Psychotherapeutin, Traumatherapeutin und Systemaufstellerin. Sie arbeitet online mit Autonomie-Aufstellungen, einer Intensivtherapie zur dauerhaften Lösung von stressbelastenden Erfahrungen und inneren Konflikten.
Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Traumafolgen, emotionale Abhängigkeit, belastende Beziehungsmuster, psychosomatische Beschwerden, negative Glaubenssätze sowie die Entwicklung gesunder Grenzen und Autonomie.
Häufige Fragen zu Selbstentfremdung
Selbstentfremdung beschreibt den Zustand, in dem Menschen den Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Werten verlieren. Stattdessen leben sie ein angepasstes Leben nach äußeren Erwartungen.
Ein falsches Selbst entsteht in der Kindheit, wenn ein Kind sich an traumatisierte oder emotional nicht erreichbare Bezugspersonen anpassen muss. Es entwickelt Überlebensstrategien wie Perfektionismus, Kontrolle oder Selbstaufopferung, um Sicherheit zu gewinnen.
Typisch sind innere Leere, Erschöpfung, das Gefühl fremdbestimmt zu leben, starker Leistungsdruck, Selbstzweifel oder die ständige Suche nach Anerkennung. Eigene Bedürfnisse und Grenzen werden kaum wahrgenommen oder ignoriert.
Selbstentfremdete Menschen haben Schwierigkeiten, echte Nähe zuzulassen oder sich authentisch zu zeigen. Es kommt zu Überanpassung, Machtkämpfen oder Rückzug, weil der Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen fehlt.
Heilung beginnt mit dem Erkennen innerer Antreiber und Schutzmechanismen. Durch therapeutische Begleitung, Selbstwahrnehmung und das Fühlen verdrängter Emotionen entsteht wieder Verbindung zum wahren Selbst und damit zu innerer Ruhe, Selbstvertrauen und echter Lebendigkeit.