Perfektionismus kann krank machen
Perfektionismus gilt in unserer leistungsorientierten Gesellschaft oft als Tugend. Genauigkeit, Verlässlichkeit, ein hoher Anspruch an sich selbst – all das wird zunächst positiv bewertet. Doch wenn die gesunden Anteile dieser Eigenschaft verloren gehen, kann Perfektionismus zu einer echten Belastung werden. Dann wird aus einem gesunden Ehrgeiz ein innerer Antreiber, der ständig fordert, niemals zufrieden ist und letztlich krank machen kann, seelisch wie körperlich.
Viele Betroffene leiden unter chronischer Erschöpfung, Schlafstörungen, Verspannungen oder psychosomatischen Beschwerden. Hinzu kommen häufig Gefühle von Frustration und Enttäuschung, weil die erhoffte Anerkennung ausbleibt oder als unzureichend empfunden wird. Die eigenen Grenzen werden ignoriert, der Körper regelrecht ausgebeutet. Das Leben wird zunehmend von übermäßig leistungsbezogenen Haltungen bestimmt, die in überfordernden Handlungen münden, ein klassischer Weg in den Burnout.
Perfektionismus richtet sich nicht nur nach innen
Der Hang zur Perfektion beschränkt sich häufig nicht nur auf die Beziehung zu sich selbst. Oft zeigt sich Perfektionismus auch im Umgang mit anderen – etwa durch hohe Erwartungen, überzogene Anforderungen und ein ständiges kritisches Bewerten. Die Folge sind zwischenmenschliche Spannungen, Konflikte und das Gefühl, von anderen ständig enttäuscht zu werden. Perfektionisten fällt es schwer, loszulassen, Kontrolle abzugeben oder Vertrauen zu entwickeln.
Die Spirale aus Selbstabwertung und Überforderung
Ein zentrales Merkmal des krankmachenden Perfektionismus ist der schlechte Umgang mit Fehlern. Misserfolge oder selbst empfundene „Unzulänglichkeiten“ führen zu Selbstkritik, Selbstabwertung oder sogar Selbstbestrafung. Auch gegenüber anderen kann sich diese Abwertung zeigen. Die Betroffenen erleben sich als wertlos, ungenügend oder nicht liebenswert. Daraus entsteht ein Teufelskreis: Der innere Druck steigt, die Anstrengungen werden weiter erhöht, um die ersehnte Anerkennung doch noch zu erreichen. Doch je höher die Erwartungen, desto schwerer ist es, ihnen gerecht zu werden und desto größer die Enttäuschung. Das Resultat: maximaler Einsatz, aber null emotionaler Gewinn.
Psychische Folgen: Depression, Angst und mehr
Wissenschaftliche Studien zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen Perfektionismus und verschiedenen psychischen Erkrankungen. Besonders häufig treten Depressionen, Angststörungen, Essstörungen (z. B. Anorexie), Zwangsstörungen oder Persönlichkeitsstörungen auf. Perfektionistische Menschen leiden überdurchschnittlich oft unter chronischer Anspannung, Entscheidungsunfähigkeit, sozialem Rückzug und einem instabilen Selbstwertgefühl. Auch das Risiko für Suizidalität kann erhöht sein, insbesondere wenn das Selbstwertgefühl dauerhaft an Leistung gekoppelt ist.
Traumahintergrund: Wenn Kontrolle zur Überlebensstrategie wird
Perfektionismus ist keine Charaktereigenschaft! Er ist eine erlernte Überlebensstrategie.
Viele Betroffene haben in ihrer Kindheit die Erfahrung gemacht, dass sie nur dann gesehen, geliebt oder geschützt wurden, wenn sie „funktioniert“ haben. Kontrolle wurde zur Bewältigung von Unsicherheit, emotionaler Vernachlässigung oder traumatischen Erfahrungen. Der Drang, alles richtig zu machen, entspringt dem tiefen Wunsch nach Sicherheit und Zugehörigkeit – nicht selten verknüpft mit der Angst, sonst wieder emotional verletzt oder verlassen zu werden.
Diese Überlebensstrategien sind eng mit dem Traumaerleben verknüpft. Sie waren einst notwendig, um in belastenden Situationen zu bestehen, sind aber im späteren Leben mit hohen inneren Kosten verbunden. Menschen, die im Modus des Perfektionismus funktionieren, merken oft gar nicht, wie viel Stress sie sich selbst zufügen – denn das Verhalten ist längst automatisiert. Erst wenn die körperlichen oder psychischen Symptome überhandnehmen, erkennen viele, dass sie im permanenten Überlebensmodus gelebt haben.
Welche Formen von Perfektionismus gibt es?
Es können drei Formen von Perfektionismus unterschieden werden, mit den Menschen zu kämpfen haben:
1. selbstbezogener Perfektionismus
2. sozial bezogener Perfektionismus
3. auf andere bezogener Perfektionismus
1. SELBSTBEZOGEN
Menschen mit einem hohen selbstbezogenen Perfektionismus haben extrem hohe Ansprüche an sich selbst und die zu erledigenden Aufgaben. Wenn sie einen Fehler machen, können sie von hyperkritisch bis zu depressiv reagieren. Sie sind in Gedanken ständig mit dem Wunsch und Bedürfnis nach dem „perfekten“ Ergebnis beschäftigt.
Das kann zu Konzentrationsschwierigkeiten, Ängsten und Verzögerungsmechanismen führen. Sobald das Ziel erreicht ist, neigen Perfektionisten dazu ihr Leistung nicht wertzuschätzen, sondern zu minimieren. In Studien zeigte sich ein Verbindung zur Magersucht.
2. SOZIAL BEZOGEN
Menschen mit einem sozial orientierten Perfektionismus glauben, das andere sehr hohe Ansprüche an sie haben. Sie haben Angst vor der Kritik und Strafe anderer, wenn sie deren (vermeintlichen) Erwartungen nicht erfüllen. Damit geht die mangelnde Fähigkeit Grenzen zu setzen einher und ein „Nein“ wird meistens zu einem „Ja“.
Der Selbstwert der Personen ist abhängig von der Zusprechung anderer, was sie oft in eine Notlage bis zur Selbstaufgabe bringt. Sie sind der Überzeugung nur gemocht zu werden, wenn man perfekt ist. Auf Dauer führt das zu einem sozialen Rückzug, Wutgefühlen und/oder psychischen Beeinträchtigungen.
3. AUF ANDERE BEZOGEN
Diese Form richtet sich weniger nach innen als nach außen. Die Betroffenen haben hohe, oft unrealistische Erwartungen an andere Menschen. Sie reagieren überkritisch, wenn diese nicht erfüllt werden, und neigen zu starker Abwertung, Enttäuschung oder Ärger.
Auf andere bezogener Perfektionismus kann in Beziehungen zu anhaltenden Konflikten führen, da Betroffene schwer akzeptieren können, dass andere anders denken, fühlen oder handeln. Es fehlt an Toleranz, Geduld und Mitgefühl. Oft spiegelt sich darin die eigene, unbewältigte Bedürftigkeit wider: Wer selbst nie genügen konnte, erwartet von anderen, perfekt zu sein – um das eigene emotionale Defizit zu regulieren.
Heilung beginnt mit Trauma-Bewältigung
Perfektionismus ist mehr als ein Persönlichkeitsmerkmal, er ist Ausdruck einer tiefen inneren Unsicherheit. Ob er sich gegen sich selbst oder andere richtet, die psychischen und körperlichen Folgen können gravierend sein. Der Weg aus dem Perfektionismus führt über das Verständnis seiner Wurzeln, die Bearbeitung alter Wunden und die Entwicklung eines selbstmitfühlenden, liebevollen Umgangs mit den eigenen Grenzen und Unvollkommenheiten.
Der Weg aus dem Perfektionismus beginnt nicht mit weniger Ehrgeiz, sondern mit einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden Erfahrungen. Traumatherapeutische Methoden, körperorientierte Psychotherapie, achtsamkeitsbasierte Verfahren oder gestalttherapeutische Ansätze helfen, den Ursprung des inneren Drucks zu erkennen und zu regulieren. Wenn die alten Erfahrungen integriert und die damit verbundenen Emotionen verarbeitet werden, entsteht ein innerer Raum für Gelassenheit, Selbstfürsorge und eine neue Art von Selbstwert, unabhängig von Leistung.
Häufige Fragen zum Thema: Wie äußert sich Perfektionismus?
Weil aus einem gesunden Anspruch ein innerer Zwang wird. Der ständige Druck, perfekt sein zu müssen, führt zu Erschöpfung, Selbstabwertung und psychosomatischen Beschwerden. Körper und Psyche geraten unter Dauerstress.
Perfektionismus kann zu Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, Zwangserkrankungen oder sozialem Rückzug führen. Besonders betroffen sind Menschen mit einem instabilen Selbstwertgefühl.
Perfektionismus ist eine Überlebensstrategie aus der Kindheit. Wer nur durch Leistung Anerkennung erhielt, entwickelte Kontrolle und Perfektion als Schutz vor erneuter Verletzung oder Ablehnung.
s gibt selbstbezogenen Perfektionismus (hoher Anspruch an sich selbst), sozial bezogenen Perfektionismus (Angst, andere zu enttäuschen) und auf andere bezogenen Perfektionismus (hohe Erwartungen an Mitmenschen).
Durch überhöhte Ansprüche an sich selbst, Angst vor Fehlern, ständige Selbstkritik und das Gefühl, nie gut genug zu sein. Betroffene erkennen ihre Leistung nicht an.
Die Überzeugung, dass andere nur dann Zuwendung schenken, wenn man perfekt ist. Kritik wird gefürchtet, ein Nein fällt schwer. Selbstaufgabe und sozialer Rückzug sind häufige Folgen.
Menschen mit dieser Form erwarten von anderen Höchstleistungen und reagieren empfindlich auf Fehler. Das führt zu Konflikten, Abwertung und mangelndem Mitgefühl in Beziehungen.
Weil er gesellschaftlich belohnt wird. Genauigkeit, Ehrgeiz und Engagement gelten als positiv. Die dahinter liegenden Ängste, Zwänge und Selbstabwertungen bleiben oft unbemerkt.
Durch die traumtherapeutische Arbeit an inneren Mustern. Wichtig sind Selbstmitgefühl, das Erkennen der eigenen Grenzen und der Aufbau eines Selbstwerts, der unabhängig von Leistung ist.
Traumatherapie, körperorientierte Verfahren, Achtsamkeit und gestalttherapeutische Methoden helfen, die Ursprünge des inneren Drucks zu verstehen und dauerhaft zu regulieren.
BUCHEMPFEHLUNGEN
- Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird., Raphael Bonelli (2014)
- Perfektionismus und seine vielfältigen psychischen Folgen: Ein Leitfaden für Psychotherapie und Beratung., Nils Spitzer (2016)
- Gut reicht völlig: Selbstbewusste Wege aus der Perfektionsfalle., Bettina Stackelberg (2013)
- Weiblicher Narzissmus: Der Hunger nach Anerkennung., Bärbel Wardetzki (2007)
- Ohrfeige für die Seele: Wie wir mit Kränkung und Zurückweisung besser umgehen können., Bärbel Wardetzki (2004)