
Warum Veränderung ohne Körperbezug nicht möglich ist
„Ohne Körper geht es nicht.“
Der Körper muss im therapeutischen Prozess mit einbezogen werden. Wir alle erleben und erfahren uns über den Körper. Über ihn treten wir mit der Umwelt in Kontakt, nehmen wahr, reagieren und drücken uns aus. Unser Körper zeigt Symptome, wenn wir unsere Grenzen überschreiten oder unsere Grenzen verletzt werden.
Viele Menschen versuchen Probleme ausschließlich über Denken zu lösen. Sie verlieren sich im Gedankenkarussell, funktionieren nur noch oder beschäftigen sich permanent, ohne wirklich bei sich selbst anzukommen. Dabei geht oft der wichtigste Orientierungspunkt verloren: der eigene Körper.
Erst mit der Verbindung zum Körper werden Veränderung, Selbstregulation und innere Stabilität möglich. Wenn Kopf, Gefühle und Körper wieder miteinander verbunden sind, entsteht das Gefühl von Stimmigkeit, Sicherheit und innerer Ruhe.
Ein zentraler Teil therapeutischer Arbeit besteht deshalb darin, den Kontakt zum Körper wiederherzustellen und die Selbstwahrnehmung zu stärken. Chronischer Stress und Trauma führen häufig dazu, dass Menschen sich innerlich von ihrem Körper abspalten, um Schmerz nicht spüren zu müssen. Kurzfristig ist das eine sinnvolle Überlebensstrategie. Langfristig entsteht jedoch ein dauerhafter Spannungszustand.
Wieder im eigenen Körper anzukommen ermöglicht es, alte Überlebensstrategien schrittweise zu lösen und mehr innere Sicherheit zu entwickeln.
Was chronischer Stress im Körper auslöst
Wichtig für den stressorbasierten Ansatz in der Psychotherapie ist das Verständnis, dass Trauma und Stress sich nur in der Schwere der unmittelbaren Einwirkung unterscheiden, nicht in den Auswirkungen auf den Organismus.
Stress hat immer einen körperlichen Ausdruck, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, Körperteile sind angespannt, der Stoffwechsel verändert sich und die Konzentration der Stresshormone steigt. Auf Dauer entwickeln sich Symptome, die durch die entzündlichen Prozesse begünstigt werden.
Unser Nervensystem kann nicht zwischen positiven und negativen Stress unterscheiden. Daher ist ein therapeutisches Ziel einen gesunden Rhythmus von Anspannung und Entspannung zu entwicklen, um das Window of Tolerance zu vergrößern, d.h. mehr Erregung zuzulassen, ohne Stress zu erzeugen.
Gegenwärtige Stresserfahrungen als Resultat von Entwicklungstrauma
Gegenwärtige Stresserfahrungen, die wir nicht mehr regulieren können, sind häufig ein Resultat aus frühen Entwicklungs- und Bindungstraumata. Die Schutzmechanismen, die in der Kindheit notwendig waren, um Bindung und Zugehörigkeit zu sichern, sind im Erwachsenenalter oft nicht mehr hilfreich. Stattdessen verhindern sie, das eigene Leben frei und selbstbestimmt zu gestalten.
Stress aus Entwicklungstraumata bleibt Betroffenen häufig unbewusst. Viele berichten sogar von einer schönen Kindheit. Doch die seelischen und körperlichen Symptome erzählen oft eine andere Geschichte.
Wiederholte Erfahrungen von emotionaler Unsicherheit und chronischem Stress können die natürliche Entwicklung nachhaltig beeinflussen. Dazu gehören:
- Nicht-gesehen oder Nicht-gehört-werden
- Hoher Leistungsdruck
- Enge Wert- und Moralvorstellungen
- Emotionale Unsicherheit im Familiensystem
- Geheimnisse und Unterdrücktes
- Missachtung und Abwertung
- Fehlende emotionale Resonanz
- Parentifizierung
Der unverarbeitete Stress von damals wird im Hier und Heute immer wieder aktiviert. Viele Menschen verlieren dann den inneren Boden unter den Füßen, flüchten sich in Gedanken, funktionieren nur noch oder können ihre eigenen Bedürfnisse kaum wahrnehmen.
Es entsteht eine Abspaltung vom eigenen Körper. Der natürliche Rhythmus von Anspannung und Entspannung gerät aus dem Gleichgewicht und es bleibt eine chronische innere Anspannung bestehen. Der Körper kann sich nicht mehr ausreichend selbst regulieren.
Chronische Anspannung als Normalzustand
Wer in destruktiven Familiendynamiken groß geworden ist, kennt häufig nichts anders als eine chronische Anspannung. Perfektionismus, Funktionieren, Kontrolle, Helfersyndrom werden oft als Charaktereigenschaften interpretiert.
Dabei ist zu beobachten, dass sich dahinter eine große Anspannung verbirgt und die Fähigkeit gelassen und entspannt zu sein, mäßig bis gar nicht vorhanden ist. Auch wird Entspannung von chronisch gestressten Menschen oft falsch interpretiert. Der Körper schaltet sich ab, man ist tief erschöpft und zu keiner Handlung fähig.
Dabei ist Entspannung ein angenehmer Zustand, in dem der Körper zur Ruhe kommt und man weiter präsent bleibt. Beides, die Über- als auch die Untererregung, sind Ausdruck von massiven Stresserfahrungen und eine Dysregulation des Körpers.
Symptome treten in der Regel nicht unmittelbar auf, sondern viel später. Chronischer Stress in der Kindheit zeigt sich oft erst im Erwachsenenalter, so dass Betroffene den Zusammenhang in der Regel nicht identifizierten können.
Trauma im Körper und fehlende Körpergrenzen
In Bezug auf unsere Körpergrenzen findet die Entwicklung in den ersten zwei bis drei Lebensjahren statt. Diese Zeit braucht ein Kind, um im Körper anzukommen, eine Wahrnehmung für die eigenen Körpergrenzen zu entwickeln und den Körper zu bewohnen.
Frühe Verletzungen und Stresserfahrungen (wie auch Geburtstraumata) verhindern das Ankommen und führen zu einer Abspaltung des Körpers. Betroffene sind häufig sehr auf ihre Umgebung fokussiert und feinfühlig in der Wahrnehmung ihrer Umwelt. Doch sie können sich selbst kaum oder gar nicht spüren. Manchmal zeigt sich ein Verschmelzen mit der Umwelt oder dem Gegenüber, was zu einem Selbstverlust führt und zu einem hohen Stresserleben.
Therapeutisch ist das Ziel die eigene Wahrnehmung auf den Körper zu schulen, Grenzen spüren zu lernen, im Körper anzukommen und den eigenen Raum zu bewohnen. Das gibt Sicherheit und sind wesentliche Faktoren für einen stabilen Selbstwert und gesunde Beziehungen.
Psychosomatik und Psychoneuroimmunologie
Die Psychosomatik und das neuere Forschungsfeld der Psychoneuroimmunologie zeigen auf wissenschaftlicher Ebene den Zusammenhang zwischen Psyche, Körper und Immunsystem.
Immunologische Reaktionen haben immer einen psychosozialen und psychischen Hintergrund. Emotionale Belastungen lassen Entzündungsmarker steigen und schwächen nachweislich das Immunsystem.
Es ist erwiesen, dass ein Krankheitserreger, ein Sonnenbrand, ein Beinbruch oder eine Wunde sehr ähnliche Reaktionskaskaden erzeugen wie Zorn über den Partner, Angst um den Arbeitsplatz oder Stress bei einer Prüfung“, sagt der Psychoneuroimmunologe Prof. Dr. Dr. Christian Schubert.
Die Forschung zeigt damit immer deutlicher, dass emotionaler Stress auf den Körper ähnlich belastend wirken kann wie körperlicher Stress.
Wenn der Körper dauerhaft im Stressmodus bleibt
Symptome sind bereits der Ausdruck einer chronischen Dysregulation. Dabei können Symptome viele Jahrzehnte später entstehen und sind häufig Folgen von frühkindlichen Traumatisierungen. Die permanente Dysregulation bringt unseren natürlichen Rhythmus von Anspannung und Entspannung aus dem Gleichgewicht.
Dr. Laurence Heller, Gestalttherapeut und Begründer des Neuro Affektive Relational Model schreibt dazu:
„Wir sind in einem Zustand von permanent hoher Aktivierung und chronischen Stress. Die erhöhte Wachsamkeit und Fokussierung der Aufmerksamkeit wandeln sich zu einer ständigen inneren Halbachtstellung und Schreckhaftigkeit. Die Wahrnehmung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse wird dabei immer mehr abgeschaltet. Die ursprüngliche freudige Aufregung wird zu einer dauernden Nervosität, inneren Unruhe und Ängstlichkeit. Der lustvolle Tatendrang verwandelt sich in einen permanent inneren Druck, etwas tun zu müssen. Die klaren und fokussierten Gedankengänge werden zu einem ständigen Gedankenkreisen, das nicht abzuschalten ist. Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen treten auf. Die gesunde Muskelspannung wird zur chronischen Anspannung der Muskeln und des Bindegewebes. Der Blutdruck ist dauerhaft erhöht. Außerdem können Herz-Kreislauf-Probleme, Magen-Darm-Probleme, Magen-Darm-Beschwerden sowie diverse psychosomatische Symptome entstehen. Der Parasympathikus und die entsprechende Entspannungsreaktion haben dabei keine Chance mehr, die Oberhand zu gewinnen. Der Sympathikus dominiert das Geschehen. Dieser Zustand kann über Wochen, Monate, Jahre und sogar Jahrzehnte andauern. Langfristig kann er zu organischen Beeinträchtigungen sowie zu Schädigungen des Gehirns führen. Wenn wir an diesem Punkt nicht für Entspannung sorgen und uns mit unseren Überlebensstrategien auseinandersetzen, übernimmt der Körper die Regie. Der Körper regiert mit einem Shutdown, schaltet sich selbst ab und schützt sich dabei vor sich selbst. Die Entspannungsreaktion wird zu einer Erschöpfungsreaktion, in der uns jegliche Energie fehlt und wir uns wie gelähmt fühlen. Stress und Erschöpfung sind gleichzeitig vorhanden.“
Neues Verständnis aus der Psychoneuroimmunologie
Die Psychoneuroimmunologie bringt ein neues Verständnis in die Medizin und zeigt, welchen Einfluss chronischer Stress auf die Entstehung von Autoimmunkrankheiten hat.
Die Forschungen aus der Psychoneuroimmunologie geben Hinweise, dass die Entzündungsreaktionen einer Autoimmunerkrankung bereits sehr früh im Leben durch belastende Erfahrungen entsteht. Die aus der Balance geratene und gestörte Fähigkeit der Stressverarbeitung kommt später im Leben zum Vorschein, wenn der Stress nicht mehr kompensiert werden kann und das System zusammenbricht.
Bisher können Autoimmunkrankheiten nicht geheilt werden und lassen sich nur mit Medikamenten behandeln. Doch medizinische Studien zeigen nun, dass es einen Zusammenhang zwischen unterdrücktem Zorn und der Entwicklung einer Autoimmunkrankheit gibt. Dabei richtet sich die Aggression gegen den eigenen Körper anstatt nach außen.
In der gestalttherapeutischen Arbeit ist diese Dynamik seit Beginn verankert und wird als Kontaktabbruch verstanden. Die Retroflektion ist ein Mechanismus, indem wir uns selbst das antun, was wir anderen gerne antun würden. Wir unterdrücken unseren Ärger und richten ihn gegen uns selbst.
Daraus entstehen Körpersymptome, wie Verspannungen, Klos im Hals, Magen-Darm-Probleme, etc. In der therapeutischen Arbeit werden die Prozesse in die richtige Richtung gelenkt, von innen nach außen. Dabei tauchen häufig die inneren Verbote auf, die eine Retroflektion mit auslösen, wie Glaubenssätze, Wertvorstellungen, Innere Richter und Gefühle der Angst, Scham und Schuld. Sie verhindern eine gesunde Aggression und blockieren den unseren Schutzreflex.
Diese aggressive Energie gilt es umzukehren, Unterdrücktes wahrzunehmen und adäquat auszudrücken, um blockierte Kräfte zu mobilisieren und den Körper von der Starre wieder in Bewegung zu bringen.
Anspannung und Entspannung im Körper
Ein gelassener Umgang mit schwierigen Situationen entsteht durch einen gesunden Rhythmus zwischen Anspannung und Entspannung. Wer sich gut abgrenzen kann, sorgt besser für sich selbst, findet leichter in Ruhe und Kraft und entwickelt einen stabilen Selbstwert. Der Körper spielt dabei eine zentrale Rolle. Gerät das Nervensystem dauerhaft in Alarmbereitschaft, verliert man den Zugang zur inneren Stabilität. Selbst kleine Belastungen wirken dann überwältigend.
Viele therapeutische Ansätze greifen aus meiner Sicht zu kurz, wenn der Körper nicht wieder in eine stabile Selbstregulation findet und keine gesunden Grenzen entstehen. Zahlreiche psychische Symptome zeigen sich als Ausdruck einer unterbrochenen Autonomieentwicklung und fehlender Grenzen. Menschen verlieren den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen, spüren die eigenen Grenzen kaum noch und richten sich stark nach dem Außen. Der innere Druck bleibt bestehen, auch wenn Zusammenhänge verstandesmäßig erkannt werden.
Eine stabile Selbstregulation bildet die Grundlage dafür, das eigene Leben aus sich selbst heraus zu gestalten und auch in belastenden Situationen handlungsfähig zu bleiben. Dafür braucht es therapeutische Begleitung, die Sicherheit vermittelt. Der Therapeut benötigt selbst einen guten Zugang zum eigenen Körper und eine ruhige innere Präsenz. Ein gestresster oder dauerhaft angespannter Therapeut kann kaum Sicherheit vermitteln. Gespräche bleiben dann leicht auf einer rein intellektuellen Ebene. Dynamiken lassen sich erklären, doch der tieferliegende Stress im Nervensystem bleibt bestehen. Genau darin zeigt sich manchmal eine alte Erfahrung aus der Kindheit erneut.
In den ersten Jahren ist ein Kind vollständig auf die Co-Regulation durch die Bezugsperson angewiesen. Das Nervensystem entwickelt sich erst nach und nach. Die Bezugsperson hilft dem Kind dabei, intensive Erregungszustände zu regulieren und wieder in Sicherheit zu kommen. Fehlt diese Erfahrung über längere Zeit, bleibt das Nervensystem leichter in Alarmbereitschaft. Viele Erwachsene tragen diesen inneren Stress bis heute in sich, obwohl im Außen längst keine Gefahr mehr besteht.
Der Weg aus chronischer Anspannung zurück in die Selbstregulation braucht Zeit. Neue neuronale Verbindungen entstehen langsam.
Der Psychiater Daniel Siegel beschreibt, dass etwa 300 bewusste neue Erfahrungen nötig sind, damit sich ein mentales Muster nachhaltig verändert.
Veränderung entsteht daher weniger durch einzelne Erkenntnisse als durch wiederholte Erfahrungen von Sicherheit, Körperwahrnehmung und Selbstwirksamkeit.
In der therapeutischen Arbeit geht es darum, unterbrochene innere Bewegungen zu vervollständigen und die ursprüngliche Reaktion auf Gefahr oder Stress wieder zugänglich zu machen. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei immer wieder auf die Selbstwahrnehmung. Gefühle wie Schmerz, Trauer oder Wut werden plötzlich spürbar. Das kann verunsichern, weil lange abgespaltene Erfahrungen wieder auftauchen. Die Aufgabe des Therapeuten besteht darin, diesen Prozess sorgfältig zu begleiten und die Intensität so zu regulieren, dass der Klient die innere Erregung wahrnehmen kann, ohne den Kontakt zu sich selbst zu verlieren.
Schritt für Schritt lernt der Mensch dadurch, den eigenen Körper wieder wahrzunehmen, innere Schutzreaktionen zu verstehen und Spannung zu regulieren. Genau darin entsteht mit der Zeit ein neues Gefühl von Sicherheit. Nicht durch Kontrolle oder Vermeidung, sondern durch die Erfahrung, den eigenen inneren Zustand tragen zu können.
Zum Verständnis von Körper, Stress & Trauma
Der Arzt und Gestalttherapeut Dr. Victor Chu fasst einige wichtige Punkte zum Verständnis von Körper, Stress und Trauma zusammen:
- Der Verstand kann uns täuschen, der Körper nie.
- Jede Emotion hat ihren ureigenen körperlichen Ausdruck
- Unsere Gesten und Bewegungen dienen der Interaktion und Kommunikation mit anderen
- Unsere Atmung ist die Vermittlerin zwischen dem Bewussten und dem autonomen Nervensystem: Atem als Chi-Energie-Fluss
- Unsere Stimme ist Ausdruck unseres Herzens
- Unsere Augen sind Ausdruck des Lebendig-Seins
- Tanz und Musik sind Ausdruck des Lebensflusses und -rhythmus
- Kampf, Flucht und Totstellen, die drei biologisch angelegten Reaktionen auf Gefahr, sind überwiegend körperliche Reaktionen
- Wo die Psyche eine seelische Belastung nicht mehr aushalten kann, übernimmt der Körper und wird krank (Psychosomatik)
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Häufige Fragen zu Trauma im Körper
Weil Trauma und Stress sich im Körper manifestieren. Erst durch die bewusste Verbindung zum Körper können Veränderungen spürbar werden und Selbstregulation stattfinden.
Chronischer Stress führt zu Symptomen wie Anspannung, Schlafstörungen, Gedankenkreisen, Herz-Kreislauf-Problemen und Erschöpfung. Der Körper gerät durch Zustände von Hyperarousal (Übererregung) und Hypoarousal (Untererregung) in eine chronische Stressaktivierung.
Selbstregulation ist die Fähigkeit, Erregung im Nervensystem zu regulieren. Ohne diese Fähigkeit bleibt der Körper in Alarmbereitschaft. Therapie zielt darauf, diese Regulation über den Körper wiederherzustellen.
Wiederholte frühe Erfahrungen wie Nicht-Gesehenwerden, hohe Anforderungen oder emotionale Kälte erzeugen tief sitzenden Stress, der sich später körperlich zeigt.
Sie belegt, dass emotionaler Stress ähnliche Reaktionsmuster wie körperliche Verletzungen auslöst und Entzündungen sowie Autoimmunprozesse fördert.
